Britische Commonwealth 1918 - 2000

Die Wirtschaftskriese

Die liberale Partei war nach Kriegsende zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken, die Arbeiterpartei (Labour Party) unter J. R. Macdonald bildete 1924 erstmalig für kurze Zeit die Regierung. Große wirtschaftliche Schwierigkeiten führten 1926 zum Generalstreik. 1929–1935 war Macdonald abermals Premierminister (seit 1931 in einem Koalitionsministerium). Unter dem Druck der Wirtschaftskrise ging Großbritannien zur Schutzzollpolitik über. 1920 schuldete das Vereinigte Königreich den USA bereits vier Milliarden Dollar, ein Jahr später musste es der einstigen Kolonie das Recht eingestehen, sich eine Flotte zu halten, die genauso groß war wie die britische - 400 Jahre Dominanz auf den Weltmeeren gingen zu Ende. Ähnlich wie im Jahrhundert zuvor versuchte Großbritannien nach der Weltwirtschaftskrise durch eine Politik der "internationalen Befriedung" günstige Bedingungen für internes Wirtschaftswachstum zu erreichen.

Der zweite Weltkrieg

Gegenüber dem nationalsozialistischen Hitler Deutschland betrieb Großbritannien unter den konservativen Premierministern S. Baldwin (1935–1937) u. A. N. Chamberlain (1937–1940) eine „Beschwichtigungspolitik“ ( Appeasement). Erst nach der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei 1939 mußte Chamberlain unter dem Druck der öffentlichen Meinung der gegen seine Politik eingestellten Gruppe um W. S. Churchill größeren Einfluß einräumen. Die Aufrüstung wurde beschleunigt, und die Haltung gegenüber Deutschland versteifte sich. Garantieerklärungen für die Kleinstaaten um Deutschland wurden abgegeben und die Bündnispolitik verstärkt. Die Bestrebungen um ein Bündnis mit der Sowjetunion jedoch scheiterten. Der Beistandspakt mit Polen (25. 8. 1939) wurde von Hitler nicht ernst genommen. Nach dem deutschen Angriff auf Polen erklärte Großbritannien auf Grund einer Garantieerklärung für das angegriffene Land am 3. 9. 1939 Deutschland den Krieg. Die kriegerische Auseinandersetzung blieb zunächst auf die Luft und die See beschränkt. Im Frankreichfeldzug 1940 entging das britische Expeditionskorps bei Dünkirchen nur knapp der Vernichtung. Die gefürchtete deutsche Landung in Großbritannien unterblieb, aber das Land hatte sehr unter den deutschen Luftangriffen und unter der deutschen Seeblockade zu leiden. Auch die britischen Unternehmungen in Skandinavien und Nordafrika scheiterten. Erst 1942, als nach der Sowjetunion auch die USA in den Kampf gegen die Achsenmächte eingriffen, trat eine für Großbritannien günstigere Wendung ein. Allerdings mußte Churchill, der seit Mai 1940 an der Spitze eines Allparteienkabinetts stand, dulden, daß die militärische und politische Führung der Alliierten immer mehr an die USA überging. Aus dem Zweiten Weltkrieg ging Großbritannien siegreich, aber geschwächt hervor. Finanzpolitisch geriet es in die Abhängigkeit von den USA. Mit der Verselbständigung der Kolonien Indien, Birma (Myanmar) und Ceylon (Sri Lanka) begann der Prozess der Dekolonialisierung, und mit der 1956 von den USA erzwungenen Aufgabe des Suezkanals, des sichtbarsten Symbols des britischen Imperialismus, erlosch Großbritanniens Rolle als Weltmacht.

Nachkriegszeit und der Weg in die EG

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs war Großbritannien als Weltmacht auf den 3. Platz hinter den USA und der Sowjetunion zurückgefallen. Die Wahlen vom Juli 1945 gewann die Labour Party, deren Führer C. Attlee Premierminister wurde. Die Arbeitslosigkeit wurde bekämpft, der Wohnungsbau gefördert, die Volksbildung ausgebaut und vor allem die Sozialpolitik ausgedehnt. Mit Hilfe des US-amerikanischen Marshallplans wurde Ende 1948 die größte wirtschaftliche Not beseitigt. Durch Verstaatlichung der Bank von England, der Eisenbahn und des Autofernverkehrs, der Elektrizitätserzeugung, des Kohlenbergbaus, des Gesundheitswesens und der Stahlindustrie suchte die Labour-Regierung den wirtschaftlichen Aufstieg zu fördern. Das britische Kolonialreich löste sich in kurzer Zeit auf; das Commonwealth wurde zu einem lockeren Verband unabhängiger Staaten. Die enge Zusammenarbeit mit den USA blieb seit dem 2. Weltkrieg Grundlage der britischen Außenpolitik. Infolge der zunehmenden Spannungen zwischen dem Westen und der Sowjetunion wurde das Bündnis mit Frankreich erneuert, dem sich 1948 auch die Benelux-Staaten anschlossen („West-Union“). 1949 wurde Großbritannien Mitglied des Atlantikpakts. 1956 beantwortete Großbritannien die Verstaatlichung des Suezkanals durch Ägypten mit einem gewaltsamen Unternehmen, das unter internationalem Druck aufgegeben werden musste.

Ihrem Vater Georg VI. folgte 1952 Königin Elisabeth II. In der Regierung lösten die beiden großen Parteien einander ab. 1951–1964 regierten die Konservativen (bis 1955 W. Churchill, bis 1957 A. Eden, bis 1963 H. Macmillan, bis 1964 A. Douglas-Home), 1964–1970 die Labour Party (H. Wilson), 1970–1974 die Konservativen (E. Heath), 1974–1979 Labour (bis 1976 H. Wilson, bis 1979 J. Callaghan). Das innenpolitische Klima wurde seit 1969 durch bürgerkriegsähnliche Zustände in Nordirland belastet. Hauptprobleme der 70er Jahre waren ungenügendes Wirtschaftswachstum, Inflation und Arbeitslosigkeit; ein Unruhefaktor war die starke Einwanderung von Farbigen aus Commonwealthländern.

Nach anfänglicher Skepsis gegenüber der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) beantragte der konservative Premier Harold Macmillan 1961 die Aufnahme in die Gemeinschaft, die zwei Jahre später an einem Veto Frankreichs scheiterte. Erst Edward Heath gelang nach langen Verhandlungen 1972 der Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft (EG). Doch schon unter seiner Nachfolgerin Margaret Thatcher, der ersten Frau im Amt des Ministerpräsidenten, begann eine Periode der Distanzierung vom Kontinent. Thatcher fürchtete, die EU entwickle sich zu einem neuen Superstaat, der vom wieder vereinigten Deutschland dominiert werden könnte.

Die Staaten Grossbritanniens

England Der Name leitet sich von den Angeln her, einem germanischen Stamm, der im 5. Jh. nach dem vollständigen Abzug der Römer im britischen Tiefland eigenständige Königreiche errichtete. Bis 955 wuchsen sie zum Königreich England zusammen. 1066 erfolgreiche Invasion Englands durch die französischen Normannen unter Wilhelm dem Eroberer. Im Laufe der Jahrhunderte gingen dann die Besitzungen auf dem Kontinent (Britannia minor, die heutige Bretagne) verloren. Übrig blieb der Inselstaat Britannia major, Großbritannien. 1707 Zusammenschluss mit Schottland. Im Gegensatz zu Nordirland, Schottland und Wales, die seit 1998 bzw. 1999 eigene Parlamente haben, sind für die einzelnen englischen Regionen untergeordnete Regierungsbehörden zuständig. Ob diese künftig im Rahmen der angestrebten Dezentralisierung größere Eigenständigkeit erhalten werden, ist noch unklar. Sicher ist, dass die 7 Millionen Hauptstädter erstmals einen gemeinsamen Bürgermeister wählen werden, den dann wohl zweitmächtigsten Mann der britischen Politik. Ebenso wie die anderen Landesteile wurde England in den letzten 50 Jahren von einem grundlegenden Strukturwandel erfasst. Der Dienstleistungsbereich stellt heute drei Viertel aller Arbeitsplätze. Im Großraum London werden im Dienstleistungssektor, vor allem auf den Finanzmärkten und im Tourismus, 75 Prozent des BIP erwirtschaftet. Obwohl die Beschäftigung in der Industrie ständig abnimmt, ist beispielsweise der Automobilbau in den englischen Midlands noch immer ein bedeutender Wirtschaftszweig. Milchwirtschaft und Viehhaltung beherrschen den Norden, Westen und Südwesten.

Nordirland,ist auch heute noch durch einen jahrhundertealten Konflikt geprägt, in dem sich politische und religiöse Antagonismen zwischen Briten und Iren überlagern. In der Volkszählung von 1991 bezeichneten sich 50,6 Prozent der Nordiren als Protestanten, die sich überwiegend als loyale Anhänger der britischen Krone verstehen. 38,4 Prozent sind Katholiken, die dazu neigen, in den Briten Besatzer zu sehen. Ein am Karfreitag (10. April) 1998 abgeschlossenes Friedensabkommen soll nun den Konflikt nach zuletzt drei Jahrzehnten blutiger Auseinandersetzungen auf parlamentarisch-demokratische Weise lösen. Bis ins 10. Jahrhundert dominierten in Irland die Wikinger, 1169 eroberte der englische König Heinrich II. die Insel und brachte sie unter die Herrschaft des anglonormannischen Adels. Doch erst die Tudorkönige mischten sich aktiv in die Belange Irlands ein. Elisabeth I. (1558-1603) schlug eine Reihe irischer Aufstände nieder, vor allem in der Nordprovinz Ulster, die daraufhin von protestantischen Einwanderern aus Schottland und England besiedelt wurde.

Als Jakob II., der katholische Ex-König aus dem Hause Stuart, aus dem Exil in Frankreich zurückkehrte und von Irland aus das britische Königreich zurückerobern wollte, wurde er 1690 in der Schlacht am Boyne vom Protestanten Wilhelm von Oranien geschlagen. Dieser Sieg wird noch heute von den Protestanten mit jährlichen Paraden gefeiert. Erst 1801 erfolgte die förmliche Vereinigung Großbritanniens mit Irland, irische Abgeordnete zogen in das Parlament von Westminster ein. Nach einem weiteren Jahrhundert irisch-britischer Auseinandersetzungen wurde die Insel im Dezember 1921 durch das anglo-irische Abkommen geteilt. Seither bilden die Protestanten im Norden der Insel die herrschende politische Klasse, Katholiken waren von der politischen Selbstverwaltung weitgehend ausgeschlossen und auch wirtschaftlich die Unterlegenen. Das führte 1969 zum Ausbruch der so genannten "troubles", eines Guerillakriegs zwischen den Konfessionen, dem über 3200 Menschen auch durch Bombenattentate auf der britischen Hauptinsel zum Opfer fielen. Das Karfreitagsabkommen von 1998 soll nun für ein sorgsam ausgewogenes Netz politischer Institutionen sorgen, in dem beide Konfliktparteien zur Zusammenarbeit gezwungen werden. Großzügige Investitionen sollen der Provinz, die vom Wirtschaftswunder in der Republik Irland ausgeschlossen blieb, eine Friedensdividende einbringen.

Schottland, das Verhältnis zwischen Schotten und Engländern ist durch eine unterschiedliche nationale Identität belastet, wenngleich diese Differenzen in den vergangenen Jahrhunderten nicht zu Gewaltausbrüchen führten. Die von der Regierung Tony Blair eingeleitete Verfassungsreform, die am 1. Juli 1999 zur Eröffnung eines Regionalparlaments führte, trug dem schottischen Selbstverständnis Rechnung.

Den Römern, die England bis zum 5. Jahrhundert besetzt hielten, war es nie gelungen, den von Pikten-Stämmen besiedelten Norden der britischen Hauptinsel kontinuierlich in ihre Gewalt zu bekommen. Im 6. Jahrhundert besiedelten Skoten von Irland aus die Region Argyll an der schottischen Westküste und gaben so Schottland den heutigen Namen. Das ganze Mittelalter hindurch bekämpften sich die Königreiche von England und Schottland. Erst Jakob VI. (in England: Jakob I.), Sohn von Maria Stuart, gelang es 1603, die beiden Kronen zusammenzufügen. Dennoch blieb Schottland eigenständig, bis sich die beiden Länder 1707 auf ein einziges Parlament für das Königreich Großbritannien verständigten. Auch wirtschaftlich hat es in Schottland immer Misstrauen gegenüber englischer Dominanz gegeben.

Dass die traditionellen schottischen Industrien Bergbau, Stahlherstellung und Schiffbau in den achtziger Jahren so rasch zusammenbrachen, lasten viele Schotten bis heute dem Laisser-faire-Kapitalismus der britischen Premierministerin Margaret Thatcher (1979-90) an, die in weiten Teilen Schottlands immer noch verachtet wird. Dass die Steuereinnahmen aus den Erlösen der Erdölfelder in der Nordsee fast vollständig ins Londoner Finanzministerium abflossen, galt als weiterer Beleg englischer Hegemonie. Dennoch wurde auch Schottland zum Nutznießer des wirtschaftlichen Aufschwungs der vergangenen Jahre. Mit 39 000 Arbeitsplätzen in rund 200 Firmen ist heute ein wichtiger Teil der westeuropäischen Elektronikindustrie in Schottland konzentriert, Spitzname: Silicon Glen. 10 000 Arbeitnehmer schaffen dagegen in 95 traditionellen Whisky-Destillerien. 1997 betrugen die Exporterlöse für das schottische Nationalgetränk 2,4 Mrd. Pfund.

Wales, nach dem Ende der römischen Herrschaft blieb Wales eine Hochburg der keltischen Ureinwohner. Erst König Eduard I. brachte Wales 1282 unter englische Herrschaft. Sein Sohn, der spätere Eduard II., erhielt 1301, wie seither jeder Thronfolger, den Titel "Prince of Wales". Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Union zwischen Fürstentum und Königreich gesetzlich geregelt. Von allen Regionen Britanniens hatte Wales am härtesten unter dem wirtschaftlichen Strukturwandel im 20. Jahrhundert zu leiden. Noch 1920 war Cardiff der größte Kohleexporthafen der Welt, und noch heute wird in Wales ein Drittel des britischen Stahls geschmiedet. Erst in jüngster Zeit hat durch die Ansiedlung von Hochtechnologiefirmen ein wirtschaftlicher Aufschwung begonnen.

Erläuterungen

Britannien,lateinisch Britannia, seit dem Altertum gebräuchlicher, vermutlich keltischer Name für England, Wales und Schottland (Großbritannien). – Die Bretagne in Westfrankreich erhielt ihren Namen von den keltisch-britischen Einwanderern ( Bretonen) im 5./6. Jahrhundert n. Chr.

Engländer, germanisches Volk, die Bewohner des britischen Mutterlands, besonders des Südteils der britischen Hauptinsel unter Ausschluß von Schottland und Wales, und in vielen ehemaligen Kolonien und Ländern des Commonwealth; rund 50 Mill., davon 47,1 Mill. in Großbritannien. Der Verlauf ihrer Volkwerdung – keltische Stämme, darüber Germanen in mehreren Wellen (Angeln, Sachsen, Wikinger, Dänen, zuletzt die Normannen mit französischem Kulturgut) – und die durch die Insellage bedingte geschichtliche Entwicklung haben bestimmend auf den Volkscharakter eingewirkt. Von der alten Volkskultur haben nur wenige Züge der von Verstädterung und Industrialisierung bestimmten Entwicklung widerstehen können; bäuerliche Wohnformen und einige Sitten und Bräuche (Hochzeitsbrauchtum, Osterspiele); reicher Volksliederschatz.

Gälische Sprache, Ersisch, schottische Sprache, aus der gälischen Sprache im weiteren Sinne entstandene, in Schottland seit dem 5. Jahrhundert von den Iren eingeführte Sprache; hat durch ihre alten Balladen und Bardenlieder nachdrücklich das englische und westeuropäische Schrifttum beeinflußt.

Waliser, die Einwohner von Wales, Nachkommen der keltischen Urbewohner Britanniens
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