Das Zaristische Russland und die Revolution 1730-1918

Die Linie der Romanow-Holstein-Gottorp 1730-1917

Anna Iwanowna (geb. 28.1.1693 in Moskau, † 17.10.1740 in Moskau), russische Zarin (1730-1740). Sie heirate im Jahr 1710 den Herzog Friedrich Wilhelm von Kurland und lebte nach dessen Ableben im Jahr 1711 als Herzogin-Witwe in der kurländischen Residenz Mitau. Am 25. Januar 1730 wurde Anna Iwanowna von den mächtigen Mitgliedern des
Obersten Geheimen Rats zur Nachfolgerin von Peter II. bestimmt. Sie verpflichtete sich dabei ihren Förderern gegenüber, die Autokratie zu beschränken, eine Verpflichtung, der sie sich mit Hilfe breiter Kreise des russischen Adels bald entledigen konnte. Statt dessen rief die russische Zarin im Jahr 1731 ein sog. "Ministerkabinett" ins Leben, das als beratendes Gremium mit 3 ministeriellen Mitarbeitern legislative und administrative Rechte innehatte. Im Jahr 1735 wurden die Kompetenzen des Ministerkabinetts derart erweitert, dass die Unterschriften der 3 Staatsminister den gleichen Rang erhielten, wie die Unterschrift der russischen Zarin. Ein signifikantes Merkmal der Regierungszeit Anna Iwanownas war die Tatsache, dass sie vorwiegend Deutsche als Berater in ihrer Umgebung beschäftigte. Innenpolitisch trat Anna Iwowna vor allem mit Massnahmen zur sozialen Privilegisierung des Adels in Erscheinung. So liess sie bereits im Jahr 1730 das Gesetz über die Einerbfolge aufheben und verabschiedete im Jahr 1736 ein Gesetz zur Befristung der bis dahin lebenslangen Dienstpflicht auf 25 Jahre. Aussenpolitisch erlebte Russland in der Regierungszeit Anna Iwanownas eine Periode relativer Stabilität und eine Phase der Konsolidierung des während des Großen Nordischen Krieges erworbenen Großmachtstatus. Mehr noch konnte diese Vormachtstellung dadurch noch beträchtlich ausgebaut werden, dass es im Polnischen Erbfolgekrieg gelang, nach dem Tod Augusts II. durch militärische Einflussnahme dessen Sohn als August III. auf den polnischen Thron zu setzen. Anna Iwanowna konnte kurz vor ihrem Tod am 17. Oktober 1740 ihre Nachfolge noch selbst bestimmen. So folgte ihr minderjähriger Grossneffe Iwan Antonowitsch, der spätere Iwan VI. auf den russischen Thron.

Elisabeth, Jelisaweta Petrowna (geb. 29.12.1709 in Kolomenskoje, † 5.1.1762 in Petersburg), russische Zarin (1741-1762). Ihren Regierungsantritt im Jahr 1741 verdankte die unverheiratete Elisabeth einem Staatsstreich, den sie mit Hilfe einer russischen Garde gegen die Familie Braunschweig durchführte. Ihr werden neben politischer Klugheit und ausgeprägter Frömmigkeit auch Verschwendungssucht und bisweilen Grausamkeit nachgesagt. Den Regierungsangelegenheiten soll sie auf Grund ihres Hangs zu persönlichen Vergnügungen zunächst wenig Interesse entgegengebracht haben. Elisabeths Regierungszeit war durch Günstlingswirtschaft und eine schwierige wirtschaftliche Situation gekennzeichnet, die in einer Vielzahl von ländlichen Unruhen und Aufständen sichtbar wurde. Unter dem Einfluss des Grafen Peter Ivanovic Suvalov konnte Elisabeth nur ansatzweise Reformen im Bereich der Wirtschaft und Finanzen sowie in der Organisation des Heeres erreichen. Ihr Hauptaugenmerk lag jedoch auf der Regelung ihrer Nachfolge. Bereits im Frühjahr 1742 ließ sie ihren Neffen, den Erbprinzen Karl Peter Ulrich von Holstein-Gottorf, aus Kiel nach Petersburg befördern, um ihn zu ihrem Nachfolger zu ernennen. Am 1. September 1745 verheiratete sie ihn auf Anraten des preussischen Königs Friedrichs II. mit Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst, der Tochter eines deutschen Fürsten. Aussenpolitisch war Russland während ihrer Herrschaft mit Österreich verbündet sowohl im Österreichischen Erbfolgekrieg, der beim Regierungsantritt Maria Theresias ausbrach, als auch im Siebenjährigen Krieg, in dem Russland Polen als Operationsbasis nutzte. Im ersten Finnischen Krieg konnten russische Truppen Finnland besetzen, wodurch das russische Reich erhebliche Gebietsgewinne im Frieden von Abo verzeichnen konnte. Im Jahr 1755 gründete Elisabeth in Moskau die erste russische Universität. Sie umfasste eine medizinische, eine juristische und eine philosophische Fakultät. Zur Förderung der Schönen Künste und der einheimischen Künstler wurde im Jahr 1757 in Petersburg eine "Akademie der Künste" eingerichtet. Nach ihrem Tod am 5. Januar 1762 folgte ihr der infantile Peter III. auf den russischen Thron.

Peter III. (russ. Pjotr Fjodorowitsch, geb. am 21.2.1728 in Kiel, † 18.7.1762 in Petersburg), russischer Zar (1762-1762). Der in Kiel geborene Sohn des Herzogs Karl Friedrich von Holstein-Gottorp und Anna Petrowna, lebte ab 1742 in Russland. 1745 heiratete er Sophie Er selbst regierte nur sieben Monate, schloss in dieser Zeit Frieden mit Friedrich II., wodurch Russland aus dem Siebenjährigen Krieg ausschied. Er führte ausserdem einige Reformen wie die Abschaffung der Folter, die Verstaatlichung von Klosterbesitz und ein Toleranzgesetz durch. Am 9. Juli 1762 wurde er von seiner Frau Katharina II. gestürzt und bald darauf unter nicht ganz geklärten Umständen getötet. Peter III. war der Begründer der Dynastie Holstein-Gottorp-Romanow.

Zweiter Aufstieg zur Grossmacht in Europa

Unter der Herrschaft der Zarin Katharina II., die Große 1762-1796 (Sophie Friedericke Auguste; † 1796; Tochter des Fürsten Christian August von Anhalt-Zerbst-Dornburg; hatte zahlreiche Liebhaber: G. Orlow, G. Potjomkin) gewann Rußland das Küstenland des Schwarzen Meeres bis zum Dnjestr und wurde die Westgrenze weiter nach Mitteleuropa vorgeschoben. Das Russische Reich wurde damit in Europa eine Großmacht und war an der Regelung aller europäischen Fragen beteiligt. Ihrem vorgeblich aufgeklärten Absolutismus entsprangen die Reformen des Senats (1763) und der Gouvernementsverwaltung (1764), die Säkularisierung der Kirchengüter (1764), zahlreiche Schulgründungen. Seit 1763 werden Wolgadeutsche angesiedelt Sie bewahrten ihre Sprache und Gebräuche. Erster Türkenkrieg 1768 - 1774. Den russischen Truppen gelang die Vernichtung der türkischen Flotte bei Tscheschme, was die Zusage der freien Handelsschiffahrt auf dem Schwarzen Meer einbrachte. Wassilij Krimskij Dolgorukij erobert in 15 Tagen für Katharina II. die Krim (1771). Das Osmanische Reich verliert die Oberhoheit über die Krim; Friede von Kütschük-Kainardschi (1774). Erste Teilung Polens 1772. Um Polen nicht ganz dem russischen Einfluß zu überlassen, erklärten sich Preußen und Österreich mit der 1. polnischen Teilung einverstanden (Preußen: Westpreußen, Ermland, Pommerellen ohne Danzig, Kulmerland, nördliches Kujawien, Netzegebiet; Österreich: Galizien, südliche Teile Krakaus und Sandomirs, Reussen mit Lemberg; Rußland: östlich der Düna und des Dnjepr). Die polnische Reaktion darauf waren wirtschaftliche Stabilisierung, Reformbestrebungen der Zentralregierung, kultureller Aufschwung (Edukationskommission; Hugo Kol-l-ataj, Stanislaw Staszic; "Maiverfassung" [1791; erste kodifizierte Verfassung Europas]). Die verschärften sozialen Spannungen entluden sich in Bauernrevolten 1773 - 1775 ("Großer Bauern- und Kosakenaufstand" Jemeljan Iwanowitsch Pugatschows [Kosakenführer; † 1775 hingerichtet; brachte fast ganz Südrußland unter seine Herrschaft]). 1783 Annexion der Krim (Einverleibung in das Russische Reich durch Katharina II.). 1785 wurden Im Innern unter Katharina II. die Adelsprivilegien erweitert (Dienstfreiheit durch "Gnadenbrief") und die Leibeigenschaft der Bauern verschärft (volle Verfügungsgewalt über Leibeigene garantiert). Während der Reise Katharinas in die Krim 1787, ließ Grigorij Alexandrowitsch Potjomkin (Potemkin; Fürst; * 1739, † 1791; Berater; Mitglied des Reichsrats und Präsident des Kriegskollegiums; als Generalgouverneur von "Neurußland" und der Krim gliederte er diese Rußland ein) angeblich längs des Wolgaweges Attrappen von Siedlungen ("Potjomkinsche Dörfer") errichten. 1787 - 1792 Zweiter Türkenkrieg (Oberbefehlshaber: G. Potjomkin; plante die Eroberung Konstantinopels und des Balkans). Rußland gewann das Land zwischen Bug und Dnjestr. Mit dem Friede von Jassy (1792) wurde der Besitz der Krim bestätigt. 1793 Zweite Teilung Polens. Den Reformbestrebungen wirkte die "Magnatenkonföderation" von Targowica (1792) entgegen und holte russische Hilfe ins Land. Es kam zur 2. Teilung Polens ohne Österreich (Rußland: Rest-Ukraine, Polesien, Wolynien; Preußen: Danzig, westlich von Tschenstochau - Sochaczew - Dzial-dowo). Dritte Teilung Polens 1795. Unter Führung Tadeusz Kosciuszko erhob sich Polen dagegen, worauf die 3. Teilung folgte (Rußland, Preußen und Österreich teilten sich den Rest). Damit wurde Rußland Nachbar von Preußen und Österreich.


Paul I., russ. Pawel Petrowitsch (geb. 1.10.1754 in Petersburg, ermordet am 24.3.1801 in Petersburg), russischer Zar (1796-1801). Paul I. war der Sohn Peters III. und Katharinas II. 1773 heiratete er Wilhelmine von Hessen Darmstadt (1755-1776) und nach deren Ableben im Jahr 1776 Sophie von Württemberg (1759-1828). Erst im Alter von 42 Jahren, nach dem Tode seiner Mutter im Jahre 1796, konnte Paul I. den russischen Thron besteigen. Sein Anspruch auf die rechtmäßige Thronfolge war ihm seit der Ermordung Peters III. im Jahr 1762 von Katharina II. immer wieder geschickt vorenthalten worden. Außenpolitisch war Paul I. bestrebt, das politische Gleichgewicht in Europa zu bewahren, mit dem Ziel, auch Frankreich darin einzubeziehen. Erst nach der Eroberung Maltas durch Napoleon schloss sich Paul I. der Koalition gegen Frankreich an, schied aber 1799 aufgrund von Differenzen mit Großbritannien aus dem 2. Koalitionskrieg aus und näherte sich erneut Frankreich an. Gemäß der im Jahr 1797 von Paul I. selbst erlassenen neugeregelten Thronfolgeordnung, nach der die Erbfolge automatisch an die männlichen Nachkommen und zunächst an den ältesten Sohn des Monarchen ging. Nach seiner Ermordung, am 24. März 1801 durch eine Verschwörung des Adels unter der Leitung des St. Petersburger Militärgouverneurs P. A. Pahlen (1745-1826), folgte ihm sein Sohn Alexander I. auf den russischen Thron. Zar Paul (1796-1801) schickte Suworow nach Italien, um die französische Revolutionsarmee zu bekämpfen.

Alexander I. (geb. 23.12.1777 in St. Petersburg,† 1.12.1825 in Taganrog), aus dem Hause Romanow, Zar seit 1801. Alexander I. herrschte ganz im Zeichen des aufgeklärten Absolutismus. Von Aussen betrachtet, lässt sich Alexanders Regierungszeit in zwei Perioden einteilen, die v.a. auf äussere Umstände zurückzuführen sind, in die Zeit vor 1815, in der Alexander mit der Behauptung und Auseinander- setzung gegen Napoleon Bonaparte beschäftigt war und in die restaurative Phase nach 1815. Alexander I. unterstützte im 3. Koalitionskrieg in der sogenannten Dreikaiserschlacht (1805) den österreichischen König und deutschen Kaiser Franz II.. Es kam zu einer verheerenden Niederlage, die Franz II. mit dem Verlust seiner Kaiserwürde und zahlreichen Gebietsabtretungen hinnehmen musste, während Alexander, dessen Reich in weiter Ferne lag, noch glimpflich davonkam. Im 4. Koalitionskrieg (1806/07) sah sich Alexander erneut genötigt, diesmal zugunsten Preußens, gegen Napoleon vorzugehen. Hinzu kam der Umstand, dass Napoleon dem russischen Reich gefährlich nahe gerückt war. Aber auch die alliierten preussisch-russischen Militärs waren nicht in der Lage, den gewaltigen Expansionsdrang Napoleons aufzuhalten. Preussen lag völlig zerstört am Boden und Alexander I., der sich nun auf eine Verständigung mit Napoleon besann, kam erneut relativ unbeschadet aus dieser Situation heraus. Die Aufteilung Europas in eine westlich, durch Frankreich dominierte und eine östliche, russische Einflusssphäre waren beschlossene Sache. Außerdem gelang es Napoleon, mit Hilfe seines neuen Verbündeten, die gegen die verhassten Briten verhängte Kontinentalsperre perfekt zu machen. Alexander I. hatte sich zwar dieser Forderung Napoleons gefügt, aber die Regelung behagte ihm wenig, da Russland maßgeblich von seinen Getreideexporten nach Großbritannien profitiert hatte. Wie vorherzusehen kam aufgrund dieser Streitfrage 1812, als Alexander die Kontinentalsperre aufkündigte, zum Bruch mit Napoleon, der dieses Verhalten mit dem Russlandfeldzug (1812/13) sanktionierte. Alexander I. reagierte darauf - die Weite des russischen Reiches ausnutzend - mit einem taktisch geschickten Rückzugskrieg. Er lockte Napoleon weit ins Landesinnere, in der Gewissheit, dass der harte russische Winter früher oder später Napoleons leicht gerüsteten Truppen zum Verhängnis werden würde. Im Oktober 1813 war es soweit und Alexander holte zu seiner glänzenden Gegenoffensive aus. Der russische Gegenschlag wurde zum Auftakt der Freiheitskriege, mit denen sich sämtliche europäische Nationen zum Kampf gegen Napoleon erhoben. 1814 zog Alexander als "Befreier Europas" an der Spitze der Alliierten nach Paris ein und setzte der Herrschaft Napoleons ein Ende. Nach dem Wiener Kongress und der Neuaufteilung Europas verfolgte Alexander, bis zu seinem Tot am 1.12.1825, eine strenge autokratische Machtausübung, da er Angst vor einer Revolution hatte.

Nikolaus I Pawlowitsch (geb. 6.7.1796 in Zarskoje Selo, † 2.3.1855 in Petersburg), russischer Zar (1825-1855). Nikolaus I. war in striktem militärischen Drill erzogen wurden. Obwohl er für die Thronfolge nicht vorgesehen war, stieg er nach dem Tode seines Bruders Alexander I. und dem Thronverzicht Konstantins (1779-1831) zum russischen Zaren auf. Nikolaus I. nahm während seiner Regentschaft immense Anstrengungen zu einer Modernisierung Russlands in Angriff, bekämpfte jedoch gleichzeitig die aufsteigenden Tendenzen des Liberalismus mit aller Macht. Dabei trat Nikolaus I., der von seinen Zeitgenossen auch als "Gendarm Europas" bezeichnet wurde, als Unterdrücker zahlreicher Aufstände in Erscheinung. Nachdem er bereits im Jahr seines Regierungsantritts den Dekabristenaufstand hatte niederschlagen lassen, vereitelte er zwischen 1830 und 1831 durch den Einsatz militärischer Mittel den polnischen Aufstand, woraufhin Polen zu einer russischen Provinz herabgewürdigt wurde. Auch während der Revolution in Ungarn zwischen 1848 und 1849 machte der "Gendarm Europas" seinem Namen alle Ehre, indem er die Aufständischen mit Gewalt zur Aufgabe zwang. Nikolaus I., der mit Charlotte von Preußen, einer Tochter des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., vermählt war, kann insbesondere vor dem Hintergrund der dreißiger und vierziger Jahre als Inbegriff eines reaktionären Monarchen gelten, dessen Regentschaft von Unfreiheit, Korruption und polizeilicher Willkür geprägt war. Nicht zuletzt aus diesem Grund wurde seine Amtszeit als "Polizeiregime" bezeichnet. Auch aussenpolitisch agierte der russische Zar als stets gewaltbereiter Monarch. So zeichnete er sich sowohl zwischen 1826 und 1828 im Krieg gegen Persien, als auch in den Jahren 1828 und 1829 in den Kampfhandlungen mit der Türkei durch die Bereitschaft aus, politische Konflikte militärisch zu lösen. Ohne Erfolg indes blieb sein Versuch den türkischen Sultan zu einer Übergabe der heiligen Stätten in Palästina zu zwingen. Schlimmer noch, verlor Russland unter der Führung von Nikolaus I. den Krimkrieg. Mit der schmerzlichen militärischen Niederlage büßte das Zarenreich seine beherrschende Stellung im Schwarzen Meer und im Balkanraum ein. Michail Bakunin 1814-1876. Er war für einen spontanen Aufstand der Bauern und eine gesetzlose Landnahme. Bakunin war ein Anarchist und ging davon aus, daß alles Übel vom Staat ausgeht, da dieser Autorität und Zwang bedeutet. Er wurde in Österreich zu Tode verurteilt und dann doch nach Russland ausgeliefert. Er saß 7 Jahre lang in der Peter- Paulus- Festung in St. Petersburg und wurde dann nach Sibirien verbannt. Von dort aus konnte er über Japan nach Amerika flüchten und tauchte 1861 in den Kreisen von Alexander Herzen auf. Sie besaßen beide den Glauben an die Berufung des russischen Bauerntums. Nur mit dem Unterschied, daß Herzen Bildung für das unwissende Volk erreichen wollte, während Bakunin für Agenten des Aufruhrs war, mit dem Ziel, eine auf dem freien Zusammenschluss von Produktionsgemeinschaften beruhende Gesellschaft mit kollektivem Eigentum zu gründen, so dass der Staat überflüssig wird. Mehr noch, markierte der Tod Nikolaus I. im Jahr 1855 das Ende der in Folge des Wiener Kongresses entstandenen russischen Hegemonie in Europa. Im Jahr 1855 schließlich trat Alexander II. die Nachfolge Nikolaus I. an.

Alexander II. (geb. 29.4.1818, † 13.3.1881), russischer Zar (1855-1881) Unter den zahlreiche Reformen ist als wichtigste die Abschaffung der Leibeigenschaft (1861), die Umgestaltung und Erneuerung des Rechts- und Verwaltungswesens und die Heeresreform (1847) zu nennen. Des weiteren kam es zu einer umfangreichen Umgestaltung von Politik und Wirtschaft nach westeuropäischem Muster, was einen bedeutenden Fortschritt in der Industrialisierung Russlands zur Folge hatte. Alexander hielt zwar grundsätzlich an der Selbstherrschaft fest, erwog aber, einen gewählten Rat einzuberufen. Nach zunächst frankreichfreundlicher Politik unterstützte Alexander ab 1863 Preußen. In den Reicheinigungskriegen gab er Preußen gegenüber Frankreich Rückendeckung und förderte damit indirekt die Entstehung des zweiten Deutschen Kaiserreichs.
1873 schloss er das Dreikaiserabkommen mit Deutschland und Österreich-Ungarn. 1877/78 führte er Russland in einen neuerlichen Russisch-Türkischen Krieg, der bei den europäischen Westmächten - Preußen verhielt sich neutral - allerdings auf heftigen Widerstand stieß. Der daraufhin von Russland geschlossene Vorfriede von San Stefano (1878), der Russland ein großes Machtpotential auf dem Balkan einräumte, wurde womöglich noch vehementer von Frankreich und England abgelehnt und führte zu einer Revision dieses Friedensvertrags im Berliner Kongress. Der in dieser Konferenz unter Vorsitz Bismarcks erreichte Kompromiss war für Alexander II. alles andere als befriedigend und führte in der Folge zu einer merklichen Abkühlung des bis dahin freundschaftlich geprägten Verhältnisses zwischen Russland und Deutschland. Bereits 1866 war Alexander II. Opfer eines Attentats geworden, das allerdings fehlgeschlagen war. Die radikalen Narodniki Gruppe (ins Volk Gehende), Sie setzten sich zusammen aus jungen intellektuellen Männern und Frauen, die das gemeinsame Ziel hatten, das unwissende Volk über die Ursachen ihres Elends aufzuklären. 1874 starteten sie eine spontane unorganisierte Aktion, die viele Verhaftungen zur Folge hatte. Sie bereiteten sich auf das Attentat des Zaren vor. 1881 kam es dann zu einem erneuten, diesmal tödlichen Überfall auf Alexander II. Verantwortlich dafür waren die radikalen Narodniki, zur Verantwortung gezogen aber wurden die Juden. Dies war sozusagen die Kriegserklärung an den Staat.Das Volk erhob sich daraufhin nicht, und die Revolutionäre wurden verfolgt und unterdrückt. In den russischen Pogromen und dem allgemein in Europa aufkeimenden Antisemitismus wird die Geburtsstunde des Zionismus gesehen.

Alexander III (1845-1894), russischer Zar 1881-1894. Sein Charakter war einfach und harmlos für die Politik war er allerdings untauglich. Seine anti- deutsche Stimmung wurde durch seine dänische Frau bestärkt. Er lief einen reaktionären Kurs mit dem Prinzip der Selbstherrschaft. Die Autokratie wurde durch die orthodoxe Kirche gestützt. Die Selbstverwaltung der Universitäten wurde vernichtet und das liberale Zeitungswesen wurde zerstört. Die Biblioteken wurden von weltlichen Schriften gereinigt und die Volksschulen wurden der Geistlichkeit unterstellt. Die Sekten wurden bekämpft und die Juden wurden wirtschaftlich eingeschränkt und wurden am Studium gehindert. In der Armee herrscht ein herangezüchteter Kastengeist. Ansätze zur Selbstverwaltung wurden beschnitten, was besonders den Bauern schadete. Die bäuerliche Heimindustrie wurde, durch die Großziehung industrieller Massenerzeugung, tief getroffen. Diese Entwicklung förderte die Proletarisierung auf dem Land und die Mittelbetriebe konnten sich nicht mehr halten. Die Abwanderung verteuerte die ländlichen Arbeitskräfte. Sogar der grundbesitzende Herrenstand kam in Verlegenheit und musste sich verschulden. Der Schutzzoll fördert die Industrie, aber der Großteil der Bevölkerung hatte mit erbärmlichen Lebensverhältnissen zu kämpfen. im Gegensatz dazu kam ein neuer bourgeoiser Reichtum auf. Es kam zur Verschärfung der sozielen Spannung. Das Mittel der Regierung zur bekämpfung dieser Situation, war die Anwendung militärisch- bürokratischer Gewalt. Trotzdem stand sie den chronologisch hin und her wandernden Hungersnöten machtlos gegenüber. Das Volk war von dem Gefühl unaufhaltsam und unrettbar dem Abgrund entgegenzutaumeln beherrscht. Der westliche Sozialismus drang trotzdem ein- Plechanow und Axelrod bildeten die ‘Gruppe der Befreiung der Arbeit’. Das russische Weltreich war im Begriff eine der gewaltigsten imperialistischen Bildung der Zeit zu werden.
1894 starb Alexander III.

Nikolaus II (1868-1918). Die Industrialisierung befördert den Marxismus. Es kam zu zahlreichen Streiks, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, und zu diversen revolutionären Bewegungen. Der Zarismus versuchte unter Ministerpräsident Stolypin die Reform von oben. Revolutionäre wurden blutig verfolgt. Die Regierung veranlaßte eine gewaltige Agrarreform, welche die selben Folgen hatte wie bei Alexander II. Es bestand ein Rivalitätsverhältnis zwischen Russland und Japan, seit dem verlorenen Krimkrieg. Japan Fühlte sich durch Handels- und Expansionspolitik in China bedroht, insbesondere durch den Ausbau der mandschurischen Eisenbahn und des Port Arthur. Russland schätzte Japans Kriegspotential falsch ein. Russlands Ziel war es, durch einen Krieg gegen Japan, eventuell die innenpolitischen Probleme zu lösen. Die Russen hatten im Russisch- Japanischen- Krieg (1904- 1905) viele Niederlagen zu beklagen. Am 23. August kam es zum Frieden von Portsmouth, welchen T.Roosevelt vermittelte. Dies war der Auslöser für die Revolution von 1905. Rußland verlor zum ersten Mal gegen ein 3. Weltland und verlor die gesammte Flotte. Russlands Ansehen war für die gesamte Welt geschädigt und das Zarenregime wurde erschüttert. Die wachsenden Missstände führten zur Bildung verschiedener revolutionärer Gruppen.

Die Revolution und 1. Weltkrieg unter Nikolaus II

Der Ablauf der Ereignisse der Revolution von 1905 sah folgendermaßen aus : Die Belegschaft der Putilow- Werke (größtes Schwer- und Rüstungsindustrie Unternehmen) in Petersburg trat in den Streik. Am 9.Januar kam es zum sogenannten ‘Blutsonntag’ in St. Petersburg. 140'000 Menschen zogen mit Fahnen und Bildern des Zaren, unter der Führung eines Popen, vor das Winterpalais. Ihre Forderungen waren die bürgerliche Freiheit, ein Parlament und eine wirtschaftliche Erleichterung z.B. den Achtstundentag. Grigorij Jefimowitsch Rasputin (russischer Mönch; geboren 1864 oder 1865, † 1916 ermordet; gewann als angeblicher Wundertäter Einfluß auf die Zarenfamilie, der sich auch auf das Politische erstreckte; deshalb von Mitgliedern der Aristokratie ermordet) war Günstling am Hofe. Die Regierung hatte bereits ihre Truppen zusammengezogen und empfing die Demonstranten mit Gewehrsalven. Das Resultat waren über tausend Opfer und Empörung. Die revolutionäre Erregung durchlief alle Stände. Da die Regierung die Kontrolle verloren hatte entstand zum ersten Mal eine Art von öffentlichem politischen Leben. Sogar die Presse äußerte sich frei. Die stärkste Kraft war die Arbeiterstreikbewegung. Eine Demonstration aller oppositionellen Schichten gegen die Autokratie, zwang die Regierung in einem wichtigen Punkt nachzugeben. Der Zar erließ am 17. Oktober ein von Minister Witte verfaßtes Manifest, das seinen Untertanen die bürgerlichen Freiheitsrechte und eine gesetzgebende Versammlung von gewählten Volksvertretern (Duma) versprach. Die Duma wurde im April 1906 eröffnet. Es war jedoch nur eine Scheinverfassung mit einem Scheinparlament, da alles weiterhin unter der Kontrolle des Zaren stand. Der Marxismus, die industrielle Entwicklung setzte in Russland erst in den 60er Jahren ein. Da sie von der Regierung gefördert wurde kam es zu einem Aufschwung. Der Staat finanzierte vorallem die Eisenbahnlinien. Westliche Aktionäre besaßen um die Jahrhundertwende 70% der Bergwerke und 42% der Metallindustrie. Die Industrie wurde durch hohe Schutzzölle geschützt und der Getreideexport wurde gefördert. Das Getreide war nur konkurrenzfähig, wenn die Arbeitskräfte sehr billig waren, da die agrarwirtschaftlichen Methoden veraltet waren. Die sozialen Verhältnisse waren sehr schlecht. Es gab Arbeiterkasernen, Frauen- und Kinderarbeit, Hungerlöhne, 13-stündige Arbeitstage und gewerkschaftliche Zusammenschlüsse waren verboten. Trotzem erzwangen illegale Organisationen in den 90er Jahren durch Streiks, dass Kosakenabteilungen vor den Fabriktoren aufgestellt werden, und dass Massnahmen des Arbeiterschutzes ergriffen werden. 1897 erreichte man die Verkürzung der Arbeitszeit auf 11 ½ Stunden. Zu Beginn des 20. Jh. war Russland Großmacht und Entwicklungsland in einem, u.a. weil es wirtschaftlich von ausländischem Kapital abhängig war. Der Marxismus versucht nun die These von der entwicklungsmässig notwendigen Überwindung des Kapitalismus auf Russland anzuwenden. 1901 entstand die sozialrevolutionäre Partei, welche sich aus Anarchisten und Volkstümlern zusammen- setzte. Die Lehren von Marx wurden studiert. Ein Vermittler der marxschen Lehre war Georgi von Plechanow (1857- 1918). Bereits 1895 wurde der Kampfbund für die Befreiung der Arbeiterklasse gegründet. 1898 kam es zur Gründug der Russischen Sozialdemokratischen Partei, welche aber von der Regierung wieder aufgelöst wurde, da Parteien erst 1906 erlaubt wurden. Schliesslich brachen in März 1917 in Petrograd (später umbenannt in Leningrad und heute St. Petersburg) Unruhen aus, welche im Ausruf einer bürgerlichen demokratischen Republik gipfelten. Nikolas II sah sich gezwungen, am 15. März 1917 abzutreten. Zusammen mit seiner Familie wurde er am 16. Juli 1918 im Exil in Ekatarinenburg von den Bolscheviken hingerichtet. Erst 1991 entdeckte man ihr Grab in einem Wald bei Jekaterinburg. 1998 bestätigte eine Kommission die Echtheit der gefundenen Gebeine, und im Juli 1998 wurden die sterblichen Überreste der Zarenfamilie auf Beschluss der russischen Regierung in St. Petersburg feierlich beigesetzt. Die provisorische Regierung unter dem Prinzen Lvov und dem gemässigten Alexander Kerenski verlor jedoch schnell Boden an den radikalen Flügel der sozialistischen Arbeiterpartei (Bolscheviken). Am 7. November 1917 ergriffen die Bolscheviken die Macht, angeführt von Lenin (Lenin war ein Pseudonym, eigentlich Vladimir Ilich Ulyanov) und Leo Trotski, stürzten die Regierung Kerenskis und übertrugen alle Macht an einen Rat von Kommissären (Sowjet) mit Lenin als Premier. Da der 7. November nach altem Russischen Kalender tatsächlich auf den 25. Oktober fiel, erhielt der Umsturz fortan den Namen 'Oktoberrevolution'. Der demütigende Vertrag von Brest-Litovsk (3. März 1918) beendete den Krieg mit Deutschland. Daraufhin entbrannte ein brutaler Bürgerkrieg, dem die Intelligenzia zum Opfer fiel. In einem kurzen Krieg mit Polen 1920 verlor Russland das heutige Ostpolen. Weiter geht die Geschichte Russlands mit der UdSSR in der Moderne.

Was war ein Zar?

Zar [slaw., von lat. Cäsar = Kaiser] war der offizielle Herrschertitel des Monarchen in Russland und Bulgarien. 1547 wurde der Titel von dem russischen Herrscher Iwan IV. Wassiljewitsch angenommen und auch von westeuropäischen Regenten für ihn akzeptiert. In Anlehnung an diesen Ausdruck wurden die Zarin Zariza und die Zarentochter Zarewna genannt. Der offizielle Titel des Zarensohns und Thronfolgers war bis 1718 Zarewitsch, in Russland ab 1797 Zesarewitsch.
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