England, die Kolonialmacht in Europa (Viktorianische Zeit) 1714-1918

Das Deutsche Königshaus der Hannover

Nach der Restauration der Monarchie konnte England ab 1714 auch unter den Königen aus dem Hause Hannover seine Stellung als Kolonialmacht ausbauen und profitierte dabei von den kriegerischen Auseinandersetzungen der europäischen Rivalen auf dem Kontinent. Die Dynastie Hannover begann mit Georg I. (1714–1727), der von der Partei der Whigs unter Walpole unterstützt wurde, während die strengen Tories Stuart-Anhänger blieben. Das Parlament trat auf Kosten des Königtums immer stärker hervor. Unter Georg II. (1727–1760) beteiligte sich England an den festländischen Auseinandersetzungen (Österreichische Erbfolgekriege und Siebenjähriger Krieg) vorwiegend durch Geldzahlungen an seine Verbündeten und konnte zu gleicher Zeit den See- und Kolonialwettstreit mit Frankreich zu seinen Gunsten entscheiden (Gewinn Kanadas und Vorderindiens).


König Georg III, Amerika und Auseinandersetzung mit Napoleon

Unter Georg III. (1760–1820) verlor England seine nordamerikanischen Kolonien. Der Verlust von 13 Kolonien auf dem nordamerikanischen Festland, die 1776 ihre Unabhängigkeit erklärt hatten, war nur ein vorübergehender Rückschlag. Die Feindschaft gegen Frankreich und die Abneigung gegen die Französische Revolution veranlaßten einen 22jährigen Kampf (Koalitions- und Befreiungskriege), in dem Frankreich mit Hilfe Rußlands, Österreichs und Preußens niedergerungen wurde. Nunmehr stieg Großbritannien zur vorherrschenden Welt-, See- und Kolonialmacht empor, die auch durch ihre fortgeschrittene Industrie unbestrittene Handels- und Wirtschaftsvormacht war. Mit drei Siegen über Napoleon (1799 Abukir, 1805 Trafalgar, 1815 Waterloo) sicherte Großbritannien seine Stellung als wichtigste Weltmacht. Es überwand die mit der Indu- strialisierung zusammenhängenden Unruhen durch die Wahlrechts- reformen von 1832 und 1884.


Der Aufstieg zur Industriemacht in Europa und die Viktorianische Zeit

Auf Wilhelm IV. folgte seine Nichte Viktoria, deren Regierung das „goldene Zeitalter“ (Viktorianische Ära) für Großbritannien wurde. Ein hundertjähriges Heraushalten aus den Konflikten des Kontinents (unterbrochen nur durch die Verwicklung in den Krimkrieg 1854-56) erlaubte es dem Inselreich, sich nach der industriellen Revolution auch den Rang einer "Werkstatt der Welt" zu erobern. Britische Dampfschiffe transportierten britische Waren in alle Welt. Gleichzeitig verhinderten innenpolitische Reformen einen Aufstand des Industrieproletariats, das unter elenden Bedingungen leben musste. Seit 1871 wurden Gewerkschaften als Verhandlungspartner der Arbeitgeber anerkannt.

Die nationalen Bestrebungen der Italiener und der Deutschen wurden mit Sympathie betrachtet, da sich beide Entwicklungen im Sinn des europäischen Gleichgewichts auszuwirken schienen. Doch nach 1871 entstand Misstrauen gegen Deutschlands militärische Stärke, sein wachsendes Handels- und Wirtschaftspotential und sein koloniales Machtstreben. Die liberalen Gedanken setzten sich auch in der britischen Kolonialpolitik durch und führten zur Bildung der mit eigenen Verfassungen ausgestatteten Dominien. Die Konservativen, die von 1885 bis 1905 mit kurzen Unterbrechungen an der Regierung waren, verfolgten einen Imperialismus, der zu wachsenden Spannungen mit Frankreich, Rußland und Deutschland führte.

Der 1. Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg beendete das Zeitalter des britischen Imperialismus, in dem Queen Viktoria (1837-1901) auch als Kaiserin von Indien geherrscht hatte.

Eduard VII. brachte die Beilegung der Gegensätze mit Frankreich zustande und schloß 1904 ein enges Bündnis, die Entente cordiale. Auch mit Rußland kam es 1907 zu einer Einigung. Italien wurde dem Dreibund mit Deutschland und Österreich entfremdet. In den Marokkokrisen 1905 und 1911 stand Großbritannien auf französischer Seite gegen das politisch fast isolierte Deutschland. Die seit 1905 herrschende liberale Regierung hatte die Außenpolitik der Konservativen weitergeführt, und auch die Thronbesteigung Georgs V. 1910 (nach Abdankung durch Eduard VII, da er eine geschiedene Bürgerliche heiraten wollte) änderte nichts an der deutschfeindlichen Politik Großbritanniens. Der deutsche Angriff auf Frankreich und der Einmarsch in Belgien waren für die Engländer der Anlaß zum Eintritt in den 1. Weltkrieg. Die Kriegsjahre 1914–1918 forderten von Großbritannien harte Opfer; doch wurde das Land u. a. durch den Gewinn deutscher Kolonien und vorderasiatischer Gebiete der Türkei in Form von Völkerbundsmandaten entschädigt. Allerdings war Großbritannien als Weltmacht hinter die USA zurückgefallen, und das Empire begann sich zu lockern; an seine Stelle trat das Britische Commonwealth. Mehr über das Britische Commonwealth im Zeitalter der Moderne.
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