Deutsches Reich - Heiliges Römisches Reich ( 843 bis 1493)

Beginn des Deutschen Reiches - Ostfränkische Zeit 843-919

Das deutsche Reich kristallisierte sich im Lauf etwa eines halben Jahrhunderts aus dem größeren Verband des Frankenreiches Karls des Großen heraus. 843 teilten die drei Söhne Ludwigs des Frommen, die Enkel Karls des Großen, das Frankenreich im Vertrag von Verdun unter sich auf; Ludwig, im Nachhinein "der Deutsche" genannt, erhielt das Ostfränkische Reich, d. h. den östlich von Rhein und Aare gelegenen Reichsteil. Mit der Reichsteilung wurde der Zerfall des Karolingerreiches und die eigenständige Entwicklung des Ostfränkischen Reiches eingeleitet. Durch den Vertrag von Meerssen erhielt Ludwig 870 noch die Osthälfte Lotharingiens, und 880 kam ganz Lotharingien an das Ostfränkische Reich. Mit dem Tod des letzten ostfränkischen Karolingers, Ludwigs des Kindes, 911 und der Wahl Konrads I. (911-918) aus dem fränkischen Geschlecht der Konradiner zum König im Ostfränkischen Reich begann die endgültige Ablösung des Ostteils vom Frankenreich und seine Entwicklung zum "Reich der Deutschen"; zum Jahr 920 taucht der Begriff Regnum teutonicorum (Reich der Deutschen) erstmals in einer Quelle auf. Da der östliche Teil eine rein germanische Bevölkerung hatte, hieß sein erster Herrscher Ludwig, Rex Germanorum (König der Germanen); erst viel später ist daraus Ludwig der Deutsche geworden. Damals nannte man allenfalls die Sprache deutsch; erst in der Zeit Ottos I. (936-973) ging der Ausdruck auch auf Volk und Land über. Aber nur wenige Nachbarn haben ihn übernommen, z. B. Italiener, Skandinavier und Niederländer.

Die Zeit der Ottonen (919 bis 1024)

919 wurde Heinrich I. (919-936) von den Franken und den Sachsen zum König gewählt; 919 bis 921 konnte er auch die Zustimmung der Schwaben und der Bayern erringen. 921 anerkannte der westfränkische karolingische König Karl III. im Bonner Vertrag Heinrich als "König der Ostfranken" und trug damit der Tatsache, dass auf ostfränkischem Boden ein eigenständiges Staatswesen im Entstehen begriffen war, Rechnung. 925 gewann Heinrich Lothringen vom Westfränkischen Reich zurück, 928/29 brachte er die Elbslawen und die Böhmen unter die Oberhoheit des Reiches, und 933 besiegte er an der Spitze eines stammesübergreifenden Heeres die Ungarn bei Riade; dieser von allen Stämmen gemeinsam errungene Sieg trug wesentlich zur inneren Konsolidierung des Reiches und zur Festigung der ottonischen Königsmacht bei. Obwohl Heinrich mehrere Söhne hatte, bestimmte er seinen ältesten legitimen Sohn Otto zum alleinigen Nachfolger im Reich und ging damit vom karolingischen Brauch der Reichsteilung ab.

936 wurde Otto der Große (936-973) zum König gewählt und in der Tradition Karls des Großen in Aachen gekrönt. Anders als sein Vater Heinrich strebte er nicht den Ausgleich und das Zusammenwirken mit den Stammesherzögen und dem Hochadel im Reich an, sondern suchte deren Unterordnung unter die königliche Gewalt durchzusetzen. Sein Versuch, die Herzogtümer durch die Vergabe an Familienangehörige enger an die Krone zu binden, schlug jedoch fehl. Als Gegengewicht zu den Herzögen und als Machtbasis für die Krone begann er nun, die Reichskirche zu einem umfassenden Herrschaftsinstrument auszubauen.

Außenpolitisch setzte Otto das Werk seines Vaters fort: Er dehnte das Reich nach Osten aus und gründete die Bistümer Meißen und Magdeburg; 950 unterwarf er Böhmen, 955 fügte er den Ungarn auf dem Lechfeld bei Augsburg eine entscheidende Niederlage zu, und 963 brachte er Polen unter die Oberhoheit des Reiches. 951 unternahm er seinen ersten Italienfeldzug und gewann die Herrschaft über das Regnum Italiae (Ober- und Mittelitalien ohne die päpstlichen Gebiete); er nannte sich nun Rex Francorum et Langobardorum. Während seines zweiten Italienfeldzuges (961-965), auf ein Hilfeersuchen des Papstes hin unternommen, wurde er in Anknüpfung an die Reichsidee Karls des Großen am 2. Februar 962 in Rom vom Papst zum "Römischen Kaiser" gekrönt, und auf seinem dritten Italienfeldzug (966-972) konnte er auch die langobardischen Herzogtümer in Süditalien unter seine Oberhoheit bringen und seinen Sohn und gewählten Mitkönig 967 zum Mitkaiser krönen lassen.

Otto II. (973-983) führte das Konsolidierungswerk seines Vaters fort, sicherte die Nordgrenze gegen die Dänen und die Westgrenze, d. h. Lothringen, gegen Frankreich, scheiterte allerdings gegen die Sarazenen in Süditalien und verlor alle Gebiete östlich der Elbe an die Slawen.

Otto III. (983-1002) hatte die Renovatio imperii Romanorum, die Erneuerung des Römischen Reiches, zum Ziel; er wollte ein christliches Universalreich schaffen, das von der Hauptstadt Rom aus von Kaiser und Papst gemeinsam regiert werden, das Regnum in seiner bisherigen Ausdehnung umfassen und die neu entstehenden Staaten im Osten (Ungarn, Polen) an das christliche Abendland anbinden sollte. Letzteres leitete er mit der Gündung der Erzbistümer Gnesen und Gran ein. Gestützt wurde Ottos Reichsidee u. a. von zweien seiner engsten Berater, die er beide zu Päpsten ernannte: von seinem Verwandten Brun, als Gregor V. der erste Papst deutscher Herkunft, und von seinem Lehrer Gerbert von Aurillac, dem späteren Papst Silvester II. Otto starb, bevor er seine Reichsidee hatte verwirklichen können, und hinterließ keinen direkten Erben.

Sein Nachfolger Heinrich II. (1002-1024) aus einer Nebenlinie der Ottonen erst nach zähen Verhandlungen gegen andere Thronanwärter zum König gewählt ging von der universalen Reichsidee seines Vorgängers ab und konzentrierte sich auf die Konsolidierung des Reiches im Inneren, sowohl in Deutschland als auch in Italien. Dabei bediente er sich in erster Linie der Reichskirche, die er reichlich privilegierte und begüterte und die unter Heinrich II. ihren Höhepunkt als Herrschaftsinstrument erreichte (z. B. 1007 Gründung des Bistums Bamberg als Herrschafts- und Missionszentrum für den Osten).

Die Zeit der Salier (1024 bis 1125)

Nach dem Aussterben der Ottonen wurde mit Konrad II. (1024-1039) der erste Salier zum König gewählt. Er verteidigte erfolgreich die Ostgrenze des Reiches gegen Ungarn und Polen; daneben bemühte er sich vor allem um eine festere Anbindung Italiens an das Reich, die ihm jedoch nur teilweise gelang. Im Inneren schuf er mit den Ministerialen und mit der Förderung des weniger begüterten Adels ein Gegengewicht zu den mächtigen Herzögen. Aufgrund eines Erbvertrags erwarb Konrad 1033 das Königreich Burgund für das Reich.

Sein Sohn Heinrich III. (1039-1056), bereits 1026 zum König gewählt, erreichte die Unterwerfung Böhmens und Ungarns und erklärte die beiden Länder zu Reichslehen; in Unteritalien machte er die normannischen Fürsten zu Vasallen des Reiches. In Fortsetzung der Politik seines Vaters erweiterte er das Reichsgut, d. h. den dem König zur Verfügung stehenden Grundbesitz des Reiches, und baute mit Hilfe von Ministerialen die Verwaltung aus, was ihn in Konflikt mit dem Hochadel brachte. Stark geprägt von der kluniazensischen kirchlichen Reformbewegung, strebte Heinrich die Beseitigung der Missstände in der Kirche (Ämterkauf, Verweltlichung des Klerus, Verletzung des Zölibats usw.) an sowie die Reform von Kirche und Papsttum; zu diesem Zweck setzte er nicht nur im Reich reformorientierte Bischöfe und Äbte ein, sondern brachte auch Reformer auf den päpstlichen Stuhl, u. a. Leo IX. (1049-1054), der die Reform der Kirche zu seinem zentralen Anliegen erhob.

Die lange Phase der Regentschaft für den zunächst noch unmündigen Heinrich IV. (1056-1106) förderte das Erstarken der Fürstenopposition im Reich sowie die Tendenz des Reformpapsttums, sich vom Kaisertum zu emanzipieren; die kirchliche Reformbewegung begann sich zu verselbständigen und in der Folge gegen den König bzw. Kaiser zu wenden. Das Papsttum forderte nun die Loslösung der Kirche von jeglicher weltlicher Verfügungsgewalt; Papst Gregor VII. (1073-1085) bestritt dem König 1075 sogar das Recht auf Einsetzung der Reichsbischöfe und -äbte und löste damit den Investiturstreit aus, der nachhaltige Wirkungen auf die Herrschaftsstrukturen und auf die Machtposition des Königs haben sollte. Bereits vor dem Investiturverbot des Papstes hatte sich die Opposition der Fürsten im Reich gegen Heinrich 1073 in einem Aufstand unter sächsischer Führung entladen; 1076 fand sich der inzwischen vom Papst gebannte König einer gemeinsamen Opposition von Fürsten und Papsttum gegenüber und war weitgehend isoliert. 1077 sah sich Heinrich schließlich u. a. auf Druck der Fürsten gezwungen, in Canossa vor Papst Gregor VII. Kirchenbuße zu tun. Damit hatte er seine Position im Reich wieder weitgehend gefestigt, zumindest so weit, dass er sich gegen die von Opposition und Papsttum erhobenen Gegenkönige Rudolf von Rheinfelden und Hermann von Salm durchsetzen konnte. Mit dem Papsttum erreichte er jedoch keine Einigung, und auch mit seinen Söhnen geriet er in Konflikt: Sein ältester Sohn Konrad führte einen Aufstand der oberitalienischen Städte gegen Heinrich an und beendete damit dessen Herrschaft in Italien; sein zweiter Sohn, der spätere Heinrich V., stellte sich 1105 an die Spitze einer neuerlichen Erhebung der Fürsten und zwang den König zur Abdankung.

Mehr noch als seine Vorgänger hatte sich Heinrich IV. in seiner Auseinandersetzung mit den Fürsten auf die Ministerialen gestützt und erstmals auch auf die aufstrebenden Städte. Seit dem 11. Jahrhundert, verstärkt seit dem 12. Jahrhundert, nahm das Städtewesen in Deutschland seinen Aufstieg. Die neu entstehenden Städte entwickelten eigenständige Verwaltungs- und Rechtsformen und bildeten ein selbstbewusstes Bürgertum heraus; außerdem wurden sie zum Zentrum von Handel und Gewerbe sowie zum Motor der wirtschaftlichen Weiterentwicklung; mit ihrem Aufstieg ging der Aufschwung der Geldwirtschaft einher. Vereinzelt ab dem 11. Jahrhundert, verstärkt dann ab dem 13. Jahrhundert, erreichten einige Städte die Freiheit von ihrem geistlichen oder weltlichen Herrn und nahmen zum Teil großen Einfluss auf die Reichspolitik. Auch auf dem Land vollzogen sich tief greifende Veränderungen: Bevölkerungswachstum führte zu größerer Nachfrage, die wiederum Verbesserungen bei Anbau- und Produktionsmethoden sowie Erweiterungen der Anbauflächen sowohl z. B. durch Rodungen im Altsiedlungsland als auch im Zuge der Ostkolonisation nach sich zog; parallel dazu kam es durch die Lockerung der Grundherrschaft zu einer Verbesserung der Stellung der Bauern.

Heinrich V. (1106-1125), dem letzten Salier, gelang es, die königliche Autorität im Reich wieder zu festigen; außerdem erreichte er im Wormser Konkordat von 1122 mit dem Papsttum eine Einigung im Investiturstreit. Das Wormser Konkordat gestand dem König in Deutschland die letzte Entscheidung bei der Einsetzung der Bischöfe und Äbte zu; in Italien und Burgund entzog es dem König beinahe jeden Einfluss auf die Besetzung der kirchlichen Ämter. In Deutschland stand die Reichskirche dem Königtum nun nicht mehr als uneingeschränktes Herrschaftsinstrument zur Verfügung; in der Folge wandten sich die Könige immer mehr den Ministerialen und allmählich auch den Städten als den neuen Stützen ihrer Herrschaft zu.

Nach dem Tod Heinrichs V. wählten weltliche und geistliche Fürsten 1125 erstmals in freier Wahl, d.h. ohne Rücksicht auf Geblütsrecht und Designation, Lothar von Supplinburg (1125-1137), den Herzog von Sachsen, zum König; 1127 erhob die staufische Opposition Konrad von Schwaben, den späteren Konrad III., zum Gegenkönig. In der folgenden Auseinandersetzung um die Krone wurde Lothar von den Welfen unterstützt, insbesondere von dem mächtigen bayerischen Herzog, seinem Schwiegersohn Heinrich dem Stolzen, und konnte sich schließlich gegen Konrad durchsetzen. Dieser Konflikt begründete den staufisch-welfischen Gegensatz.

Die Zeit der Staufer (1138 bis 1254)

Obwohl Lothar Heinrich den Stolzen zum Nachfolger im Reich designiert hatte, wählten die Fürsten unter Führung einer kirchlichen Partei Konrad III. (1138-1152) zum König. Unter Konrad verschärfte sich der staufisch-welfische Konflikt: Konrad erkannte die Übertragung des Herzogtums Sachsen an Heinrich den Stolzen durch Lothar nicht an, ächtete Heinrich und übertrug Sachsen Albrecht dem Bären und Bayern den Babenbergern. Die Belehnung Heinrichs des Löwen, des Sohnes von Heinrich dem Stolzen, mit dem Herzogtum Sachsen im Jahr 1142 konnte den Streit vorübergehend beruhigen, aber nicht beenden.

Nach Konrads Tod wählten die Fürsten 1152 dessen Neffen Friedrich I. Barbarossa (1152-1190) zum König. Den immer wieder aufflackernden Konflikt mit den Welfen legte Friedrich bei, indem er Heinrich dem Löwen auch Bayern übertrug, allerdings ohne die Markgrafschaft Österreich, die zum Herzogtum erhoben und den Babenbergern zu Lehen gegeben wurde. Nachdem sich das Verhältnis zu Heinrich wieder deutlich verschlechtert hatte, ließ Friedrich ihm in einem lehnsrechtlichen Verfahren 1180 Sachsen und Bayern aberkennen; Bayern, verkleinert um die Herzogtümer Steiermark und Meranien, ging an die Wittelsbacher, Sachsen an die Askanier. Daneben baute Friedrich vor allem in Mitteldeutschland Königsgut und staufisches Hausgut konsequent aus und schuf sich damit und mit der Gründung neuer Städte ein stabiles Fundament für sein Königtum. Mit weniger Erfolg versuchte Friedrich, die Reichsmacht in Italien und seine Vorherrschaft gegenüber dem Papsttum wieder herzustellen: Zwar konnte in Mittelitalien eine effiziente Verwaltung durchgesetzt werden, die oberitalienischen Städte dagegen erkämpften sich in einer langwierigen Auseinandersetzung mit dem Kaiser weitgehende Selbständigkeit, die kaiserliche Oberhoheit war nur noch formal. Der Versuch, nach ottonisch-salischem Vorbild die Herrschaft des Kaisertums über das Papsttum wieder herzustellen, scheiterte.

Unter Heinrich VI. (1190-1197), der über seine Gemahlin das normannische Königreich Sizilien erbte, erreichte das staufische Reich seine größte Ausdehnung. Sein früher Tod stürzte das Reich in eine Krise: 1198 kam es infolge des noch immer virulenten staufisch-welfischen Konflikts zu einer Doppelwahl von Philipp von Schwaben, dem Bruder Heinrichs VI., und Otto IV., dem Sohn Heinrichs des Löwen. Der Kampf um die Krone, der zuungunsten des vom Papsttum unterstützten Welfen auszugehen schien, endete 1208 mit der Ermordung Philipps. Als Otto dann jedoch versuchte, in den päpstlichen Einflussbereich Sizilien einzudringen, veranlasste der Papst die Wahl Friedrichs II. (1212-1250), des Sohnes von Heinrich VI., zum Gegenkönig.

Der staufisch-welfische Thronstreit wurde im Rahmen des englisch-französischen Konflikts in der Schlacht von Bouvines 1214 endgültig zugunsten des Staufers entschieden. In seinem Erbreich Sizilien schuf Friedrich ein modernes, zentralisiertes, straff organisiertes Staatswesen, in Deutschland dagegen, wo er sich insgesamt nur etwa zehn Jahre aufhielt, überließ er die Gewalt weitgehend den Fürsten. Mit den Privilegien für die geistlichen und die weltlichen Fürsten (1220 bzw. 1230) bestätigte er den Fürsten weit reichende landesherrliche Rechte und zugleich den im Gange befindlichen Prozess der Territorialisierung des Reiches. Mit einem weiteren Privileg, der Goldbulle von Rimini von 1226, ermächtigte Friedrich den Deutschen Orden zur Unterwerfung der Pruzzen (Preußen) und zur Herrschaft in den eroberten Gebieten und gab damit der Ausdehnung des deutschen Herrschaftsbereichs nach Osten einen entscheidenden Impuls. Obwohl sich infolge von Friedrichs Auseinandersetzung mit dem Papsttum ein Großteil der deutschen Fürsten der päpstlichen Partei anschloss und Gegenkönige aufstellte (Heinrich Raspe, Wilhelm von Holland 1246/47) und trotz des Kampfes mit dem Lombardenbund in Oberitalien, in dessen Verlauf sich die Parteien der Guelfen und Ghibellinen herausbildeten, behauptete Friedrich sein Kaisertum; die Umsetzung seiner universalen Kaiseridee scheiterte jedoch vor allem an dem Konflikt mit dem Papsttum.

Friedrichs Sohn Konrad IV. (1250-1254) konnte sich im Reich kaum mehr behaupten, und dessen Sohn Konradin, der letzte Staufer, gelangte nicht mehr auf den römisch-deutschen Thron und verlor auch das staufische Erbe in Süditalien.

Mehr noch als ihre Vorgänger betrieben die Staufer, besonders Friedrich I., die Auflösung der alten Stammesherzogtümer und die Ablösung der mächtigen Stammesherzöge durch territorial weniger reich ausgestattete und weniger einflussreiche Fürsten. Es bildeten sich nun neue, kleinere Herrschaftsbereiche heraus, deren Inhabern es gelang, ihre Herrschaften nach und nach zu relativ selbständigen Landesherrschaften auszubauen. Als Gegengewicht zu diesen sich verfestigenden Territorien und als Grundlage für ihre Herrschaft versuchten die staufischen Könige, einen zusammenhängenden Reichsgutkomplex aufzubauen, zu dessen Verwaltung unfreie, unmittelbar dem König unterstellte Ministerialen herangezogen wurden; diese Reichslandpolitik erfuhr jedoch einen Rückschlag durch den Thronstreit von 1198 und wurde nach dem Ende der Stauferzeit nicht mehr weitergeführt.

Erst um die Jahrtausendwende ist von den Stämmen Alemannen, Bayern, Franken, Lothringer und Sachsen nicht mehr nur als gesonderten Einheiten die Rede, sondern bereits als den "Deutschen" als Volk, und ab dem 11. Jahrhundert taucht zunächst vereinzelt, dann immer häufiger die Bezeichnung Regnum teutonicum (deutsches Reich) bzw. Regnum teutonicorum auf. Für die mittelalterlichen Kaiser jedoch war das deutsche nur ein Teil ihres Gesamtreiches, zu dem außer Deutschland noch Reichsitalien und Burgund gehörten; sie sahen sich zudem in der von Karl dem Großen begründeten Tradition des Römischen Reiches, nannten sich ab etwa 1100 "König der Römer" und bezeichneten seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts ihr Reich als Heiliges Römisches Reich. Dem Verlust ihrer Herrschaftsgewalt über die nichtdeutschen Teile des Reiches trug ab dem 15. Jahrhundert die neue, bis zum Ende des alten Reiches 1806 (Aufstieg Preussen in Deutschland und Trennung Österreichs von Deutschland) offizielle Bezeichnung "Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation" Rechnung.

Das Interregnum im Spätmittelalter

Mit dem Tod Friedrichs II. und seines Sohnes (1254) lässt man das "hohe" Mittelalter (900-1250) sowie die Stauferzeit (1138-1254) enden und das Spätmittelalter (1250-1500) beginnen. Das Ende der kaiserlichen Universalmacht bedeutete keinen Niedergang Deutschlands. Es war im Gegenteil weiterhin von kraftvollem Leben erfüllt. Im Norden und Osten dehnte es sich weit aus. Der Deutsche Ritterorden besetzte die preußischen und baltischen Länder; die Hanse herrschte an Nord- und Ostsee (detailliert über die Hanse werden wir weiter unten berichten). Es gab jedoch keine zentrale Gewalt mehr. An die Stelle der Macht des Kaisers trat eine verwirrende Fülle unterschiedlich großer Herrschaftsgebiete: Königreiche, Herzogtümer, Grafschaften, Bistümer, Reichsstädte u. a.

Nach dem Tod Konrads IV. und des Gegenkönigs Wilhelm von Holland kam es 1257 zur Doppelwahl von Richard von Cornwall und Alfons X. von Kastilien und Léon. Keinem der beiden gelang es, sich im Reich durchzusetzen, so dass sich der Prozess der Territorialisierung und des Erstarkens der Landesherrschaften ungehindert fortsetzen konnte.

Im Reich hatte sich das Prinzip der freien Königswahl ohne Rücksicht auf Geblütsrecht durchgesetzt, was dazu führte, dass sich bis 1257 zum einen ein einflussreiches, durch die Wahl die Geschicke des Reiches mitbestimmendes Kurfürstenkollegium herausgebildet hatte; zum anderen war durch die Wahl von Königen aus verschiedenen Dynastien mit unterschiedlichen Interessen und unterschiedlicher Basis eine Kontinuität in der Reichspolitik nicht mehr gewährleistet. Außerdem gingen die Könige bzw. Thronanwärter immer mehr dazu über, ihre Anhänger großzügig mit Reichsgut auszustatten, um sich ihre Unterstützung zu sichern, so dass um die Mitte des 15. Jahrhunderts praktisch keine materielle Grundlage für die Königsherrschaft in Form von Reichsgut mehr vorhanden war; die Folge war, dass sich die Herrscher mehr und mehr auf den Ausbau ihres eigenen Hausgutes konzentrierten, d. h. im Zweifelsfall die Angelegenheiten des Reiches den dynastischen Interessen hintanstellten.

Habsburg, Wittelsbach und Luxemburg (1273-1437)

Mit der Wahl Rudolfs I. von Habsburg (1273-1291) kam es zu einem Wiedererstarken der Königsmacht. Er reorganisierte nach der herrschaftslosen Zeit des Interregnums die Verwaltung des Reichsgutes und erließ einen Landfrieden; mit dem Erwerb der Herzogtümer Österreich, Steiermark und Krain nach seinem Sieg über Ottokar II. von Böhmen für sein Haus schuf er die Grundlage für den Aufstieg der Habsburger. Nach seinem Tod wurde der vergleichsweise unbedeutende Adolf von Nassau (1292-1298) gewählt, aber wegen seiner aggressiven Hausmachtpolitik von den Kurfürsten wieder abgesetzt und durch Albrecht I. (1298-1308), den Sohn Rudolfs I., ersetzt, der sich ebenfalls auf die Hausmachtpolitik konzentrierte. Nach Albrechts Tod kam mit Heinrich VII. (1308-1313) das Haus Luxemburg zum Zuge. Heinrich gewann das Königreich Böhmen als Grundlage der luxemburgischen Hausmacht für seinen Sohn Johann; als erster Herrscher seit den Staufern suchte er die Herrschaft in Italien wieder herzustellen, allerdings mit wenig Erfolg, und als Erster seit Friedrich II. wurde er wieder zum Kaiser gekrönt.

1314 wurden erneut zwei Könige gewählt: der Habsburger Friedrich der Schöne (1314-1330), der Sohn Albrechts I., und der Wittelsbacher Ludwig IV., der Bayer (1314-1347). Ludwig besiegte 1322 Friedrich, erwarb Brandenburg, Tirol und Holland für die Wittelsbacher und nahm die Italienpolitik seines Vorgängers wieder auf. Dabei geriet er in Konflikt mit dem Papst, der in dieser letzten grossen Auseinandersetzung zwischen Papsttum und Königtum für das Papsttum das Approbationsrecht bei der römisch-deutschen Königswahl reklamierte und Ludwig 1324 als Ketzer exkommunizierte und absetzte; die Kurfürsten jedoch stellten sich auf die Seite des Kaisers und sprachen 1338 dem Papst jegliches Mitspracherecht bei der Königswahl ab.

1346 bereits vom Papst als Gegenkönig aufgestellt, wurde der Luxemburger Karl IV. (1347-1378) nach Ludwigs Tod von den Kurfürsten anerkannt. In der Goldenen Bulle von 1356 regelte Karl das Verfahren bei der Königswahl und schrieb den privilegierten Status der sieben Kurfürsten fest. Der päpstliche Approbationsanspruch blieb unbeachtet. Unter Karl, der auch Schlesien, die Oberpfalz und Brandenburg für sein Haus gewann, verlagerte sich das Zentrum des Reiches vorübergehend nach Böhmen, wo in Prag 1348 auch die erste deutsche Universität gegründet wurde. Grössere Bedeutung gewann zeitweise nur das Königreich Böhmen unter Kaiser Karl IV. (1347-78), der Prag glanzvoll ausbaute. 1365 ließ sich Karl als letzter römisch-deutscher Kaiser zum König von Burgund krönen, überließ jedoch bereits das Arelat an Frankreich. Karls Sohn und Nachfolger Wenzel (1378-1400) kümmerte sich in erster Linie um sein Königreich Böhmen und schenkte den Angelegenheiten des Reiches wenig Beachtung; 1400 wurde er abgesetzt. Sein Nachfolger Ruprecht von der Pfalz (1400-1410) konnte seine Herrschaft nur in Teilen des Reiches aufrechterhalten.

Erst unter Sigismund (1410-1437), Wenzels jüngerem Bruder, fand das Königtum zu allgemeiner Anerkennung und zu einer Führungsrolle zurück: Auf dem Konstanzer Konzil (1414-1418) gelang ihm die Beilegung des Abendländischen Schismas. Als König von Böhmen seit 1419 in die Hussitenkriege in Böhmen eingebunden und auf die Hilfe des Reiches angewiesen, musste er den Kurfürsten, die zudem Sigismunds Machtposition beschränkt sehen wollten, Reichsrechte abgeben und einer Reichsreform zustimmen.

Während die Königsmacht unter den Herrschern aus wechselnden Dynastien im Reich zunehmend an Durchsetzungskraft verlor, machte die Entwicklung der Städte große Fortschritte. Im Lauf des 13. und 14. Jahrhunderts kam die Entwicklung der Stadtrechte zu einem Abschluss, und Handel und Wirtschaft hatten einen weiteren Aufschwung erfahren. Da das Reich nicht mehr in der Lage war, für umfassenden Frieden und Schutz zu Sorgen, schlossen sich zahlreiche Städte in Eigeninitiative zu Schutzbündnissen zusammen z. B. zum Schwäbischen Bund und zur Hanse , die teilweise über große politische und wirtschaftliche Macht verfügten. Das Rittertum musste nach und nach militärisch den Landsknechtsheeren, wirtschaftlich den Kaufherren weichen. Die ritterliche Kultur wurde von einer bürgerlichen abgelöst, und es wurden zahlreiche Universitäten gegründet

Im Südwesten Deutschlands entstand seit 1291 im Kampf gegen die Habsburger die Schweizer Eidgenossenschaft, die sich schließlich vom Reich trennte (1499).
Am Übergang zur Neuzeit stieg das Haus Habsburg, beginnend mit Kaiser Maximilian I. (1493-1519), innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer Weltmacht auf. Dies schuf in Europa eine ganz neue Lage. Mehr über das Kaiserreich der Habsburger (Ursprung in der Schweiz bei Baden) in der Renaissance.
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