Die Hunnen und ihr König Attila 374 - 454 n. Chr.

Die Geschichte hat selten ein Volk gesehen, dass wie die Hunnen aus dem Nichts kam und, kaum hundert Jahre später, wieder darin verschwand. Dennoch hat kein anderes Volk die Europäer ähnlich beeindruckt, wie die geheimnisvollen Hunnen. Wir werden im Mittelalter mehr über Steppenvölker berichten. Der rasante Hunnensturm und der Siegeszug über die germanischen und romanischen Völker, ist allenfalls vergleichbar mit dem Angriff der Mongolen in Europa, obwohl deren Reich (begründet durch Temudschin, Dschingis-Khan, 1196) wesentlich beständiger und nach dem Tod Timurs (1405) nicht völlig von der geschichtlichen Bildfläche verschwand. Die Hunnen aber, wurden nach ihrer finalen Niederlage gegen die Germanen wieder von den bulgarischen und russischen Steppen, woher sie gekommen waren, verschluckt. Es ist nicht viel, was wir wirklich über sie wissen. Obwohl wir uns in einer Zeit befinden, in der zwei Metropolen (nämlich West- und Ostrom, also Rom und Byzanz) um die Vorherrschaft im ehemaligen vereinigten römischen Reich rangen, und obwohl beide Städte Kulturzentren mit vielen Gelehrten waren, erhalten wir über die Hunnen nur selten ungefärbte Berichte. Die Schnelligkeit und die Grausamkeit, mit der die Hunnen über das überraschte Europa herfielen, ihr ungewohnter Körperbau, ihre noch nie gesehene Gesichtsform und ihre Art zu leben, sorgten dafür, dass die zeitgenössischen Geschichtsschreiber Dämonen oder unkultivierte Barbaren aus ihnen machten. Da die Hunnen keine eigene Geschichtsschreibung kannten, müssen wir uns mit diesen Texten begnügen.

Woher kamen die Hunnen? Wer waren ihre Urväter? Zwei Fragen, die sich nur schwer beantworten lassen. Es gibt viele Berichte über barbarische Nomadenvölker, mit denen sich dass chinesische Reich auseinandersetzen musste, zum Beispiel das Volk der Hung-no, die die Chinesen lange Zeit terrorisierten, bis sie vertrieben werden konnten. Oder aber die Vernichtung eines Nomadenreiches 36/35 v. Chr. durch die Chinesen, welche mit der Vertreibung der Nomaden aus Turkestan und der Dzungarei nach Russland endete. Da die Hunnen, wie gesagt, ihre Geschichte nicht schriftlich festhielten, können wir nicht genau sagen, ob eines dieser Völker vielleicht den späteren Stamm der Hunnen bildete (wobei die Hung-no ein barbarisches chinesisches Volk waren, während die anderen Stämme eher Turkstämme waren). Es scheint aufgrund der Verwandschaft der Lebensart allerdings wahrscheinlich. Im Jahre 374 fegten die Hunnen aus der russischen Steppe über die in der Nähe des schwarzen Meeres ansässigen Alanen und unterwarfen sie. Bei beiden Völkern handelte es sich um kriegerische Nomadenstämme, weshalb die Alanen nur ein Jahr später auf der Seite der Hunnen an der Unterwerfung der Ostgoten teilnahmen. Diese waren ein gemanischer Teilstamm, ursprünglich aus Skandinavien stammend, welches sie im 1. bis 2. Jahrhundert vor Chr. verliessen, der schon um 150 n Chr. seine Wanderung aus dem Ostseeraum begonnen hatte. In ukrainischem Gebiet teilten sich die Goten in ostro- und wisigoten, die späteren Ost- und Westgoten. Während sich die Westgoten ihr neues Siedlungsgebiet im heutigen Bulgarien suchten, gründeten die Ostgoten ihr Reich ca. 200 an der Krim-Halbinsel am schwarzen Meer. Wie gross das Ostgotische Schwarzmeereich gewesen ist, wissen wir nicht, wie überhaupt nur wenig aus dieser Zeit der Ostgoten bekannt ist. Auf jeden Fall scheint es gewaltige Ausmasse besessen zu haben, und manche vermuten, dass es bis zur Ostsee langte, von wo die Goten einst gekommen waren. Ebenso wie Ermanerich, entstammte der spätere legendäre Koenig Theoderich der Grosse, der Ravenna und Italien eroberte, dem Hause der Amaler. Nun trafen die Hunnen also auf das Ostgotenreich. Nach ihrer mutmasslichen Vertreibung aus ihren angestammten Siedlungsgebieten in der Nähe Chinas, siedelten sie offenbar in den russischen Steppen. Warum sie so plötzlich und mit solcher Gewalt nach Europa drängten, ist ebenso unbekannt, wie die genaue Herkunft ihrer Stammesväter. Das Volk der Hunnen war beständig gewachsen und die umherziehenden Nomaden konnten ihre Familien aus den armseligen Steppen Russlands bald nicht mehr ernähren. Die Ostgoten bekamen diese Wucht zuerst zu spüren. Obwohl ihr Reich gewaltig, und ihre Ressourcen gross gewesen sein müssen, wurden sie in nur kurzer Zeit überrollt. Der greise Ermanerich, der angeblich mittlerweile 110 Jahre alt war, beging laut Legende (vielleicht wurde er auch einfach erschlagen) angesichts der unbesiegbaren Hunnen Selbstmord. Ob er dies etwa aus Feigheit tat, oder nur um einem jungen, dynamischeren Herrscher, der den Hunnen gewachsen sein könnte, Platz zu machen, ist unbekannt. Auf jeden Fall wurden die Ostgoten besiegt und zur Heeresfolge gezwungen. Mit Germanen und Hunnen trafen die gefürchtetsten Krieger der bekannten Welt zusammen, lehrten die Germanen doch seit 9 n. Chr. (Sieg des Cheruskers Arminius gegen den Römer Varus im Teuteburger Wald) den Römern das Fürchten. Den wilden Hunnen, die von ihren Pferden aus kämpften und rasend schnelle Angriffe führten, waren die germanischen Goten jedoch nicht gewachsen; noch nicht. Ebenso wie die Ostgoten unterwarfen sich kurze Zeit später die Gepiden und leisteten von da an Heeresfolge.

Anders als die "weissen Hunnen", ein Volksstamm, der sich von den hier behandelten Hunnen schon früher gelöst hatte und sich am Kaukasus an den Grenzen des alten persischen Reiches niedergelassen hatte, zogen die "schwarzen Hunnen" (die wohl eine dunklere Hautfarbe hatten) unter Häuptling Balamir, nach der Niederwerfung dieser grossen und mächtigen Germanenstämme, weiter in Richtung Europa. Ihre Eroberung des Schwarzmeerreiches muss ihnen den erwünschten Lebensraum geschaffen haben, aber die Hunnen hatten nun Blut geleckt, und die Reichtümer Westeuropas lockten. Die Vertriebenen der Ost- und Westgotischen Stämme vor sich hertreibend, gelangte die Hunnen an die Donau. Ein Teil der weissen Hunnen überquerte den Kaukasus und fiel über die oströmischen Provinzen in Kleinasien her. Antiochia, eine der Metropolen der spätantiken Mittelmeerwelt, fiel ihnen zum Opfer und wurde geplündert, die Einwohner ermordet und die Frauen verschleppt.

Die Art der Kriegsführung der Hunnen war neu und erfolgreich. Sie kämpften vom Rücken ihrer Pferde aus, Infanterie war ihnen unbekannt. Sie waren hervorragende Reiter und vermochten aus ihren Sätteln heraus einen gezielten Pfeilhagel auf den Feind niedergehen zu lassen. Die Reitkunst und ihre Bögen waren wesentlich leistungsfähiger und treffsicherer als alles bisher da gewesene. Ihr Aussehen, von Natur aus nichteuropäisch und fremdländisch, veränderten die Hunnen, indem sie die weichen Schädelknochen ihrer Kinder deformierten und sie in die sogenannte "Turmschädelform" welche auch bei den Ostgoten bekannt war) pressten. Auch die Nasen der Kinder wurden plattgedrückt, damit sie besser unter die hunnischen Helme passten. Dieses Aussehen brachte den Hunnen den Ruf einer dämonischen Herkunft ein, von Dämonen und Hexen in den Sümpfen Russlands gezeugt, und liess etliche Zeitgenossen vermuten, dass sie eine Geissel Gottes wären. Somit wendeten sie offenbar unbewusst neben militärischer auch psychologische Kriegführung an. Die Hunnen kämpften in kleinen, beweglichen Einheiten von 500-1000 Mann und fielen unter schrecklichem Kriegsgeheul über die geordneten Truppen ihrer Gegner her.

Der römische Kaiser Theodosios handelte in der Gefahr sehr geschickt: Er schloss ein Bündniss mit den an der Donau stehenden "schwarzen" Hunnen und liess sie die aufrührerischen Westgoten bewachen. Diese wurden 376 von Kaiser Valens im römischen Reich angesiedelt, nachdem sie vor den Hunnen geflohen waren. Nach Versorgungsschwierigkeiten revoltierten die Westgoten und schlugen die Römer in der Schlacht von Adrianopel (378). Theodosius siedelte sie erneut in Thrakien an (382). Dennoch blieben die Westgoten unruhig und sollten bald unter Koenig Alarich den Balkan und Griechenland verheeren, bevor sie nach Italien ziehen würden. Der geschickte Theodosius aber spielte Germanen und Hunnen gegeneinander aus und unterhielt auch Bündnisse mit den "weissen" Hunnen, von denen er hoffte, dass sie den Expansionsdrang ihrer Stammesbrüder beschränken würden. Theodosius starb 395 und erneut war das römische Reich Germanen und Hunnen ausgeliefert.

Sowohl West- als auch Ostrom wurde Schauplatz fürchterlicher Ereignisse. Die Hunnen drängten über die Donau und verwüsteten Griechenland. Die vor ihnen davonziehenden Westgoten unter Alarich hatten vorher auf dem Balkan gewütet und fielen 401-403 in Italien ein. Die Hunnen, ihrerseits nicht faul, verheerten dass zurückgelassene Thrakien und König Rugila, der Onkel Attilas, schloss bald einen Friedensvertrag mit Byzanz/Konstantinopel. In diesem Vertrag verpflichteten sich die Oströmer Unsummen an Tributen an die Hunnen zu zahlen und erkauften sich so den Frieden. Die Hunnen hatten ein gutes Geschäft gemacht: sie waren nicht interessiert an der langwierigen Belagerung Konstantinopels. Gold schien die hochgeborenen Hunnenfürsten zu faszinieren und muss eine mystisch/religiöse Bedeutung gehabt haben. Es wurde offenbar nicht als Zahlungsmittel verwendet, sondern zu kultischen Gegenständen verarbeitet, oder aber zu Gebrauchsgegenständen, wie z.B. Geschirr. Bis zu Attilas Zeiten konnten die Hunnen ihre Tributforderungen beständig erhöhen.

Kommen wir nun zu dem Zweikampf zweier Männer, die das Schicksal des römischen Reiches und des Hunnenvolkes entscheiden würden:Attila und Aetius. Aetius war wohl fünf bis zehn Jahre älter als sein grosser Kontrahent Attila. Er war nicht von allzuhoher Geburt, nicht einmal in Rom wurde er geboren, sondern irgendwo an der Donau auf heutigem bulgarischem Staatsgebiet. Sein Vater war Gaudentius, ein Germane, der als General im Dienste der Römer zu recht hohen Ehren gekommen war, dem aber seine Abkunft bei seinem Aufstieg immer im Wege stand. Aetius Mutter, eine Italienerin aus wohlhabenden Hause, liess Aetius klassisch ausbilden und der Junge zeigte sich sehr gelehrig. So war er gut bewandert in den griechischen und lateinischen Klasssikern. Seine Karriere verlief recht schnell, denn er wurde von dem halb-germanischen Heerführer und Feldherren des Kaisers Honorius Stilicho gefördert, an welchem sein Lehensherr schliesslich schmählich Verrat begehen würde. Um 407 herum ging Aetius als königliche Geisel (eher eine Art Diplomat) an den Hof des Westgoten-Königs Alarich, der gerade den Balkan verwüstet hatte und nun mehrmals, seine westgotischen Scharen hinter sich, über Italien herfallen würde, 410 sogar Rom eroberte. Hier knüpfte er wohl wichtige Bekanntschaften, ohne die ein späteres Zusammenarbeiten der Westgoten und Römer zur Abwehr der Hunnen wohl kaum erklärbar wäre. Später ging Aetius auch zu den Hunnen als Geisel. Er muss schon eine erstaunliche Person gewesen sein, denn auch mit den Hunnen kam er offenbar sehr gut aus. Er wird ihre Sitten und Gepflogenheiten kennengelernt haben, sogar ihre Sprache hat er wahrscheinlich, zumindest in Ansätzen, gelernt. Später würden ihm die Hunnen unbezahlbare Dienste als Verbündete leisten. Das erste mal nutzte er ihre Dienste aus, als 425 Kaiser Honorius (dessen Tod wohl ein Segen für das Reich war) starb. Ein gewisser Johannes rief sich selbst zum Kaiser aus und Aetius, der seine Chance witterte, unterstützte ihn. Er ging zu den Hunnen und warb 10'000 ihrer Krieger als Armee für seinen Favoriten an. Mit ihnen zog er nach Italien bis vor Ravenna, der Reichshauptstadt. Doch Aetius hatte sich verspekuliert: von Ostrom unterstützt, hatte sich mittlerweile der kleine Valentianus unter der Obhut seiner Mutter Galla Placidia (Schwester des Honorius) durchgesetzt, Johannes war geschlagen und hingerichtet worden. Erneut zeigte sich Aetius als ausserordentlich geschickter Poltiker und Intrigant. Er erwiess sich somit dem Erbe der Römer Marius, Sulla oder Caesar, als würdig. Anstatt gemeinsam mit seinen 10.000 Barbaren als Umstürzler unterzugehen, arrangierte er sich mit Galla Placidia und siedelte die Hunnen zum Dank für ihre Unterstützung in Paionnien an. Er hoffte, dass sie ihre Expansionsgelüste in Zukunft an Ost-Rom und Konstantinopel auslassen würden, womit er vorläufig Recht behielt. Aetius Aufstieg liess sich nun nicht mehr aufhalten. In Gallien kämpfte er gegen allerlei Barbaren, wie Westgoten, Franken, Alanen, Sueben, Vandalen und andere, immer mit Unterstützung hunnischer Verbände. Bald wurde er Heeresmeister und somit unangefochtener oberster Militär. Er liess einen aufsässigen Consul ermorden und bald darauf liess er sich selbst zum Consul machen. Der Galla Pacidia wurde diese Machtanhäufung wohl langsam unheimlich und so versuchte sie Aetius loszuwerden. Sie enthob ihn aller Ämter und Würden. Aetius floh zu den Hunnen, die ihn mit einem Heer unterstützten. Aetius zog also sogleich gegen Ravenna, wo er den Bonifatius, den Galla Placidia anstatt seiner zum Heeresmeister gemacht hatte, vernichtend schlug. Jener Bonifatius hatte schon früher mit Aetius um die Gunst des Kaiser gebuhlt, unterlag in Afrika jedoch den 429 einbrechenden Vandalen, wodurch er vorläufig ins Hintertreffen geraten war. Doch auch am Ende ihrer Auseinandersetzungen blieb Aetius Sieger. Von nun an führte in der römischen Politik kein Weg mehr an Aetius vorbei. Von 433 bis 450 war er Heeresmeister, Consul, Patrizius und Reichsverweser in einer Person, er regierte sozusagen als Quasi-Kaiser. Ein weiteres Mal bewiesen die Hunnen ihre Ergebenheit Aetius gegenüber, bei der Vernichtung der Burgunder. Diese hatten sich dem Aetius nicht unterworfen und es sogar gewagt, hunnische Grenztruppen anzugreifen. Die Rache war grausig: die Burgunder, die glaubten, nichts von Aetius befürchten zu haben, wurden den Hunnen ausgeliefert, die ihr Reich auslöschten (436, sagenhafter Tod König Gunthers). Der klägliche Rest der Burgunder wurde problemlos an Saone und Rhone angesiedelt. Bei der Abschlachtung der Burgunder müssen Attila und Aetius noch zusammengearbeitet haben, was sie nicht mehr tun würden, wenn Attila erst einmal die Alleinherrschaft an sich gerissen haben würde.

Attila, ungefähr fünf Jahre jünger als Aetius muss circa 395/396 als Neffe Koenig Rugilas geboren worden sein. Anders als seine Vorväter wurde er nicht mehr auf der grossen Wanderung geboren, sondern zu einem Zeitpunkt, als die Hunnen schon relativ zur Ruhe gekommen waren. 410 ging er als Geisel an den kaiserlichen Hof des Honorius zu Ravenna. Die Stellung von königlichen oder adeligen Geiseln war damals allgemein üblich, um sich der Friedfertigkeit eines Vertragspartners zu versichern. Solche Geiseln wurden aber nicht etwa in Verliessen eingesperrt, sondern wie Söhne des echten Hofstaates behandelt und erzogen. So lernte Attila die prächtige Kultur des kaiserlichen Hofes aus nächster Nähe kennen und verbrachte eine unbeschwerte Jugend in Norditalien. Er erlernte die lateinische Sprache und lernte das Christentum kennen. Somit wurde Attila später ein idealer Bündnispartner Roms, um dann sein gefährlichster Feind zu werden. Im Jahre 434 starb König Rugila und seine Macht ging auf seine beiden Neffen Attila und dessen Bruder Bleda über. Attila bewies, vielleicht mit seiner Teilnahme an der Vernichtung der Burgunder, sogleich, dass er sich als Kriegsherr und Eroberer fühlte. Bleda war ein ungleich sanfterer Herrscher und führte kaum einen Kriegszug. Seinen friedlichen Mitregenten hatte Attila also schliesslich satt und liess ihn 445 ermorden. Ob er selbst Hand an seinen Bruder legte, ist nicht bekannt, aber auf jeden Fall war er es, der die Assassinen aussandte. Attila und die Hunnen waren auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Von Aetius hatten sie ein festes Siedlungsgebiet erhalten und die Goten, Alanen und Gepiden waren ihnen treu ergeben. Die Könige der Ostgoten und Gepiden (Germanenvolk aus skandinavien), Laudarich und Ardarich, waren offenbar sogar wichtige Unterfeldherren, Ratgeber und vielleicht sogar Freunde Attilas. Der Name des grossen Hunnenkönigs soll übrigens aus dem ostgotischen kommen und soviel wie "Väterchen" bedeuten, was sowohl Respekt und Furcht, aber auch Zuneigung ausdrücken könnte. Wie es an Attilas Hof zuging, kann man nur undeutlich rekonstruieren, da die Berichte von Zeitgenossen immer noch gefärbt waren und man den Hunnen barbarische Sitten wie Zauberei und Kindsmord nachsagte. Nach einem der wenigen ernstzunehmenden Berichterstatter über die Hunnen, Priskos, der die Hunnen auch selbst besucht hat, müssen wir uns Attila jedoch nicht als Primitiven vorstellen, der in einem dunklen Zelt das Blut gefangener Kinder schlürfte. Vielmehr schien es an seinem Hofe recht kultiviert zugegangen zu sein. Er hauste angeblich in einem hölzernen Gebäude, in dem er römische Gesandte empfing. Anders als bei Verhandlungen auf dem Felde, bei denen er den Sattel seines Pferdes nicht zu verlassen pflegte, thronte Attila in seinem Thronsaal über seinen Höflingen auf einer am römischen Vorbild orientierten Liege. Es ist durchaus möglich, dass Attila, der ja seine Jugend in Italien verbracht hatte, einige Sitten und Bräuche des kaiserlichen Hofes von Ravenna übernahm, obwohl er längst nicht dessen Luxus genoss, sondern sich lieber an der Spitze seiner Soldaten auf abenteuerliche Feldzüge begab. Er scheint ein charismatischer Mann gewesen zu sein, ein typischer Vertreter des hunnischen Hochadels, umgeben von einem zahlreichen Harem, ausgestattet mit allen erwünschten militärischen Eigenschaften. So folgten ihm, als er gegen die Römer zog, Hunnen, Goten, Gepiden und Alanen.

Ostrom war als erstes an der Reihe. 447 brachte ein Erdbeben die gewaltigen Festungsmauern Konstantinopels zum Einsturz. Attila hielt die Gelegenheit für günstig, in das Oströmische Reich einzufallen. Attila verwüstete zwar wieder einmal den Balkan, konnte jedoch keine entscheidenden Siege gegen die Truppen Ostroms erzielen. Konstantinopel gewann Zeit, und die Stadtmauern konnten wieder errichtet werden. Als man 450 schliesslich bereit war, einen Friedensvertrag zu unterzeichnen, fiel der oströmische Kaiser Theodosius II. vom Pferd und starb. Sein Nachfolger wurde Marcianus, ein alter Soldat, dem nichts weiter entfernt gelegen hätte, als mit den Hunnen Frieden zu schliessen. Er machte Attila klar, dass dieser entweder mit einigen spärlichen Geschenken abziehen sollte, oder dass er Konstantinopel mit Waffengewalt nehmen müsse. Attila, der einen bisher wenig erfolgreichen Feldzug geführt hatte (schliesslich war der Balkan durch diverse Plünderungen ausgezehrt und verarmt), war unter Druck, da er seinem Volk und den Verbündeten schnellstens reiche Erfolge vorsetzen musste, um sie bei der Stange zu halten. Wieder die mühselige Belagerung scheuend, suchte er sich ein neues Ziel für seinen Eroberungsdrang: Gallien.

Den Vorwand hierfür lieferte ihm eine Frau. Die Schwester des weströmischen Kaisers Valentianus III. erwartete ein uneheliches Kind. Verärgert schickte man sie an den oströmischen Hof. Die junge Mutter wollte aber unbedingt fort von Ostrom und sandte einen Brief an Attila, dem sie ihre Liebe gestand, und den sie bat, sie zur Frau zu nehmen. Attila, dessen Harem zwar schon von etlichen Frauen bevölkert war, ging dennoch dankbar auf diesen Vorschlag ein und forderte von Valentianus die Hand seiner Schwester. Dieser holte die bockige Verwandte zurück nach Rom, verheiratete sie ohne Nachfrage mit einem anderen und entzog Attila zusätzlich noch den Titel eines römischen Heerführers ("Magister militium"). Der erboste Attila, der nun in die unangenehme Lage geraten war, vor seinen Verbündeten brüskiert worden zu sein, forderte weiterhin die Hand der kaiserlicher Schwester, und als Mitgift verlangte er Gallien. Eben dieses gedachte er sich selbst zu holen, als die Römer, unter der faktischen Führung des Aetius, nicht auf seine Forderungen eingingen. Mit einem gewaltigen Heer, bestehend aus Hunnen, Ostgoten, Gepiden und Alanen zieht Attila aus Pannonien bis nach Germanien. Er bereitet den Rheinübergang vor und wird von den ansässigen Alemannen angegriffen, die er in dem unwegsamen Gelände nicht zu einer vernichtenden Schlacht stellen kann. Germanisch-römische Städte und Siedlungen werden erobert und gebrandschatzt, vor allem Trier. Inzwischen in Gallien, plündert Attila Metz. Der Tag geht in die Stadtanalen als "blutiger Ostermontag" ein. Der Bischof von Reims zieht ihm psalmensingend mit seinem Gefolge entgegen, um ihn zur Umkehr zu bewegen. Dem tapferen Bischof wird das Haupt abgeschlagen, Reims fällt ebenso wie etliche kleinere Städte. Bei Paris wird Attila von singenden geistlichen angeblich zur Umkehr bewogen, wahrscheinlich aber handelt er aus taktischen Gründen und sieht von der mühseligen Belagerung der Stadt ab. Attila zieht vor Orleans. Diese Stadt belagert er wochenlang und es kommt zu vereinzelten blutigen Scharmützeln. Die Stadt ist der Ürbergabe nahe, als das Wunder geschieht. Aetius hatte inzwischen alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Verbündete zu finden. Die ständig revoltierenden Westgoten gingen schliesslich im Angesichte der Bedrohung ein Bündnis mit den Römern ein, und zogen gegen Attila, der drauf und dran war, ihre Siedlungsgebiete zu erobern. Die siegessicheren Hunnen wurden vor den Toren Orleans von der aufziehenden westgotischen Heeresmacht überrascht, bei denen sich zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch nicht einmal die weströmischen Verbündeten unter Aetius befanden, und mussten sich unter blutigen Verlusten zurückziehen. Dort, wo sie eine Feldburg errichtet hatten, auf den Katalaunischen Feldern, kam es zur grossen Schlacht. Inzwischen hatten sich die Römer mit Sicherheit eingefunden und kämpften an den Flanken der Westgotischen Truppen. Ebenso hatten sich dem Aetius Reste der Burgunder angeschlossen, die glaubten, mit den Hunnen noch eine Rechnung offen zu haben, obwohl diese damals durch Aetius zu Befriedung des Stammes gerufen worden waren. Auch die Franken, die in einem Vorhutgefecht den Gepiden grosse Verluste beibrachten, traten auf der Seite der weströmischen Allianz gegen ihre Stammesbrüder an, die ripuarischen Franken, die mit Ostgoten, Gepiden und Hunnen kämpften. Es muss zu einem schrecklichen Gemetzel gekommen sein, in welchem sich die germanischen Hilfstruppen zu tausenden erschlugen. Überhaupt muss man festhalten, dass weder Römer noch die Hunnen solch gewaltige Verluste hinnehmen mussten, wie die Germanen. Auf dem Höhepunkt der Schlacht wird der Westgotenkönig Theoderich erschlagen (vermutlich von einem Gepiden, nicht von einem Hunnen). Attila zog sich mit seinen Hunnen in eine Feldburg zurück, die er vielleicht selbst als Rückzugsmöglichkeit errichtet hatte, die allerdings vielleicht auch von den 407 in Gallien einfallenden Germanen gebaut wurde. Die Schlacht war beendet und zehntausende, hauptsaechlich Germanen, fanden den Tod. Attilas Truppen hielten der Belagerung stand. Die Westgoten hatten genug von dem Kampf und zogen sich zurück. Aetius liess Attila ohne nennenswerte Verluste fliehen. Der ausgefuchste Aetius wollte die Hunnen vermutlich nicht zu sehr schwächen, da er sie wohl noch oft zum Kampf gegen aufsässige Germanenstämme zu benutzen gedachte. Er wollte die bestehenden Kräfteverhältnisse nicht noch weiter verschieben, denn bisher sah es so aus, als sei er als alleiniger Gewinner aus der Auseinandersetzung hervorgegangen.

Dass Attila eine die wenig verlustreiche, aber schmerzende Niederlage recht gut verkraftete, bewies er, indem er schon ein Jahr nach seinem Gallienfeldzug mit einer erneut gesammelten Armee in Oberitalien einfallen konnte. Die Hunnen stürmten und zerstörten Aquileia. Die Bewohner der Stadt flohen in die nahe gelegenen Sümpfe und Marschlande und die Flüchtenden sollen sich mit "Veni etiam" ("Bis hierher gekommen") gegrüsst haben. Die von den fliehenden Bewohner gegründete Stadt sollte Venedig heissen. Die Hunnen aber zerstörten Pavia, Vicenza, Verona, Mantua und Mailand und hinterliessen verödetes Land. Dann bricht Papst Leo I. aus Rom auf, um den hunnischen Fürsten daran zu hindern nach Mittelitalien einzufallen und Rom zu plündern. Sie treffen am Flüsschen Mincio zusammen und Leo, der desshalb den Beinamen "der Grosse" erhalten würde, kann Attila tatsächlich von seinem Zug auf Rom abbringen. Dieses Ereignis wird als grosser Sieg der Christenheit über die heidnischen Dämonen gefeiert, angeblich ist Attila beeindruckt von dem Christengott und zieht es vor, sich nicht mit ihm zu messen. Die Vertreibung Attilas durch Papst Leo wurde in der Christenheit als Wunder angesehen. Wahrscheinlicher ist, das Attila pragmatisch handelte. Allerdings wird bei einer solchen Darstellung vergessen, dass Papst Leo Attila, der nach seiner gallischen Niederlage einen schnellen Erfolg brauchte, ganz Norditalien mit Stadt, Land und Klöstern zur freien Plünderung preisgab. Attilas Hunnen konnten sich ohne Gegenwehr bereichern und der hunnische König musste nicht wieder eine lästige Stadtbelagerung durchführen. Ausserdem war Mittelitalien wenig ergiebig und Rom war erst 408 durch die Westgoten geplündert worden. Seuchen machten sich in den verarmten Gebieten breit, und so ist es wahrscheinlich, dass Attila die scheinbare Macht des christlichen Glaubens als Vorwand benutzte, um sich ohne Ehrverlust gewinnbringend zurückziehen zu können.

453 ist das Todesjahr Attilas. Er heiratet die Tochter eines Germanenfürsten und verstirbt in der Hochzeitsnacht, vermutlich am eigenen Erbrochenen. Sein Tod bezeichnete auch den Zerfall der hunnischen Macht und den Bruch mit den germanischen Verbündeten. Attilas Nachkommen bekriegten sich untereinander und Goten- und Gepidenfürsten wollten seine Nachfolge antreten. Um 454 kam es zu einer entscheidenden Schlacht am pannonischen Fluss Nedao. Die Gepiden unter Koenig Ardarich traten gegen eine hunnisch-ostgotische Koalition an. Die Gepiden siegten und das Hunnische Reich hörte auf zu existieren, die Ostgoten flohen ins Römerreich, wo sie in Pannonien angesiedelt wurden (zum Unglück Roms, den unter dem Ostgotenkönig Theoderich dem Grossen würden sie Italien bis 493 erobert haben und ihr Reich gründen). Die Sieger dehnten ihre Macht bis in die Theis Ebene bis nach Siebenbürgen aus und gründeten in dieser Gegend ihr Reich. Die Reste der besiegten Hunnen aber flohen in die bulgarischen Steppen, wo sie mit anderen Nomadenvölkern das bulgarische Reich gründen würden. Ein anderer Teil der Hunnen wurde auf oströmischen Gebiet angesiedelt und hatte stark unter den Römern und Germanen (Ostgoten) zu leiden. Ein letztes Aufgebot kämpfender Hunnen, unter Attilas Sohn Dengizik, zog 469 erneut gegen Ostrom und wurde vernichtend geschlagen, Dengizik fiel. Bis auf einige versprengte, angesiedelte Reste, verschwand das Volk der Hunnen wieder im Dunkel der Geschichte, ebenso schnell, wie es einst aus den russischen Steppen ans Licht hervorgebrochen war.

Auf Druck der hereinbrechenden hunnischen Scharen begannen beispielsweise die Germanenzüge, eine der grössten Völkerwanderungen der Geschichte. Die verdrängten Ostgoten verjagten die Westgoten, diese verjagten die Gepiden. Gleichzeitig brachen Langobarden, Sueben, Burgunder und Vandelen aus ihren angestammten Gebieten in Germanien und an der Ostsee auf. Anders als die Hunnen, die in der Geschichte kaum mehr als eine nicht mal hundertjährige Schrecksekunde überdauerten, gründeten die Germanenstämme, die durch die asiatischen Eroberer in Bewegung geraten waren, teilweise sehr dauerhafte Reiche. Die Westgoten zogen vom Balkan aus nach Italien (401-403) und eroberten Rom (408-410). Das Vandalenreich endete 534/535, zerstört durch den oströmischen Feldherren Belisar. Die Ostgoten, einst treue Verbündete der Hunnen, zogen unter ihrem Koenig Theoderich dem Grossen plündernd durch den Balkan. Dann eroberte Theoderich, inzwischen von Ostrom zum Patricius Italiens ernannt, Ravenna ("Rabenschlacht"), Rom und damit Italien gegen den Söldnerfuehrer Odowaker. Dass ravennatische Ostgotenreich bestand von 493 bis 552 und wurde von dem oströmischen Feldherren Narses besiegt, nachdem man Belisar hatte vertreiben können. Die merowingischen Franken hatten am längsten Bestand. Sie setzten sich während Attilas Gallienfeldzug und der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern gegen die ripuarischen Franken durch. Koenig Chlodwig begründete nach seinem Sieg über den römischen Dux Syagrius das fränkische Reich und besiegte die Alemannen, die einst erfolgreich gegen Attila gekämpft hatten (496). Nach dem Sieg bei Vouille (507) fielen Chlodwig Teile des Burgunderreiches zu, welches 532 ganz den Franken zufiel. Die Merowinger wurden durch die Karolinger beerbt, deren berühmtester Spross Karl der Grosse 800 zum ersten deutschen Kaiser gekrönt wurde. Die Macht der Franken verfiel erst um 919 und wurde von den Sächsischen Kaisern übernommen.
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